Die Friedländer Bürgerversammlung, oder: Der Kollateralnutzen einer abgesagten Nazidemo

Die Nazis haben ihre Demo in Friedland abgeblasen, die ganze Aufregung in der Göttinger Szene war also fast umsonst. Sie warf dann aber doch noch einen Kollateralnutzen ab: Vor ein paar Wochen kamen nämlich 250 besorgte Friedländer zu einer Bürgerversammlung und ließen sich von Polizei, Gemeinde und Verfassungsschutz über die bevorstehenden Demos informieren. Das Stadtradio Göttingen produzierte einen Mitschnitt, und der enthält – neben einigen Strecken Langeweile – auch ein paar echte Meisterstücke aus dem Genre Realsatire. Die drei schönsten Vorträge sind hier zusammengefasst und kommentiert; die Zitate sind zwar teilweise gekürzt, aber alle echt.

1. Der Bürgermeister (verwirrt, aber lokalpatriotisch) fühlt, was viele fühlen: „Viele von uns fühlen, dass es heute um ein Thema geht, dass so gar nicht zu unserem Friedland passt.“ Warum das denn nicht? Na, wegen der Kriegsheimkehrer: „1945 haben unsere Großeltern und Eltern hier in Friedland ein deutliches Zeichen gesetzt: 5000 Menschen täglich kamen Tag für Tag in unser Friedland.“ Und da war niemals nicht kein einziger Nazi dabei, statt dessen täglich – wenn nicht sogar Tag für Tag – nur Opfer.

Und weil unsere Friedländer das wussten, waren sie nett zu den Heimkehrern, und alles ward gut: „Die menschliche Wärme, das Gefühl der Rettung, wird von vielen Menschen auf der ganzen Welt heute als ihr zweiter Geburtstag gefeiert.“ Wann hast Du denn Geburtstag? Am Gefühl der Rettung! – an diesem Dialog erkennt man die Ehemaligen des Durchgangslagers Friedland selbst in der Inneren Mongolei.
Friedland, das ist ein Symbol! Ein Symbol für deutliche Zeichen und komische Geburtsdaten, und schon deshalb muss der Naziaufmarsch verhindert werden: „Kämpfen Sie mit uns gemeinsam, dass unser Friedland nicht in den Dreck gezogen wird.“ Für Ehre, Freiheit, (unser) Friedland!

2. Der VS-Abteilungsleiter Linksextremismus (auch verwirrt, außerdem schlecht informiert) will eigentlich erzählen, warum die Redical [M] so gefährlich ist, verwechselt sie allerdings mit den Antideutschen, von denen er offenbar mal irgendwo eine Demo-Parole aufgeschnappt hat: „[Die Redical [M]] fordert die Auflösung Deutschlands, also die Grenzverlegung Frankreichs nach Polen oder Polens nach Frankreich.“ Das schlage sich auch in deren Praxis nieder, die darin bestehe, „dass sie bedingungslos den Staat Israel unterstützen, und deren Schutzmacht, die USA.“ Ob die Redicals schon wissen, dass sie das tun?
Egal, eigentlich ging es ja um was anderes, nämlich um guten vs. bösen Antifaschismus, also um demokratischen vs. extremistischen. Zunächst der böse: „Antifaschismus im extremistischen Sinne sieht den Faschismus als Teil des Kapitalismus“ – und nicht etwa des Feudalzeitalters! Was daran „extremistisch“ ist? Der Experte erkennt so etwas bereits an der Verwendung des Wortes „Kapitalismus“. Und wie geht der gute Antifaschismus? „Faschismus im demokratischen Sinne (sic!) bezieht sich auf die Zeit des Diktators Mussolini in Italien.“ Damit hat der Mann vom VS zwar gesagt, Mussolini sei Diktator einer faschistischen Demokratie gewesen, aber gemeint hat er natürlich, dass demokratische Antifaschisten nicht gegen Kapitalismus, sondern gegen – na? Richtig: Faschismus sein sollten. Und zum Glück sind sie das auch, denn „alle Demokraten sind Antifaschisten!“
Welcher Auftrag damit einhergeht, hat er den Friedländern auch noch erklärt: „Antifaschismus im demokratischen Sinne [ist] der Kampf gegen Mussolini.“ Scheint mir ein ruhiger Job zu sein; ob der noch zu haben ist?

3. Der Polizeisprecher (gefasst, aber voll dunkler Ahnungen) bekundet sein Bedauern darüber, dass er den Ausnahmezustand verhängen muss: „Es tut uns leid, dass wir so ein kleines Dorf zu einer Festung machen.“ Muss halt sein – weil das Dorf so klein ist. Schon für die ganzen Demos ist kein Platz, und dann muss ja noch die Polizei dazwischenpassen. Der General hat keine Wahl: „Wir möchten, dass das hier reibungslos abläuft, und dafür wird jeder Bürger das eine oder andere in Kauf nehmen müssen.“ Zum Beispiel sollte er nach Möglichkeit das Haus nicht verlassen, und, wenn doch, auf regelmäßige Personenkontrollen gefasst sein. Außerdem: „Bringen Sie ihre Mülltonnen rein! Stellen Sie das Altpapier zwei Tage später raus! Lagern Sie keine Wurfgeschosse! Fahren Sie das Auto in die Garage und machen Sie das Tor zu!“ Fehlt nur noch die allgemeine Ausgangssperre ab Einbruch der Dunkelheit.
Aber die Polizei hat auch eine gute Nachricht: Um Kosten zu sparen, will sie die Truppenstärke möglichst gering halten und statt dessen auf „taktische Mittel“ zurückgreifen, also auf „sowas wie Hunde, sowas wie Pferde, sowas wie Hubschrauber,…“ Pferde statt Polizisten in der Menschenmenge? Danke, viel besser! Und was ist mit Wasserwerfern? „Wenn es zu brennenden Barrikaden kommt, sind wir in der Lage, das selber zu löschen.“
Es ist wohl eine Spätfolge des Goldenen Oktobers 2005: Seitdem braucht die Göttinger Polizei bekanntlich an die fünf Beamte auf einen Demonstranten, allein um den Verkehr zu regeln; und wenn irgendwo Antifa druntersteht, läuft nichts mehr ohne den Einsatz einer mittleren Bürgerkriegsarmee. Wollte die Berliner Polizei am 1. Mai in Kreuzberg ein ähnliches Zahlenverhältnis zwischen Demonstranten und Einsatzkräften herstellen – sie müsste wohl die Bundeswehr zur Unterstützung anfordern.

Epilog: Die Demonstration des Friedländer „Bündnisses gegen Rechts“ am 9. Mai fiel sehr klein aus: Maximal 200 Leute. Der Bürgermeister schämt sich wohl ein wenig und vermutet im Radio, dass die Leute daheim geblieben sind, weil sie Furcht hatten und ihre Habe vor den Chaoten schützen wollten. Was der Grund für diese Sorge sein könnte, ist unklar – es war ja völlig friedlich, und auch der Polizeichef hatte doch seinen Vortrag mit den Worten geschlossen: „Sie brauchen hier in Friedland keine Angst zu haben.“ Hat daran irgendwer gezweifelt?


4 Antworten auf „Die Friedländer Bürgerversammlung, oder: Der Kollateralnutzen einer abgesagten Nazidemo“


  1. 1 demonstrierende 10. Mai 2009 um 20:38 Uhr

    was haben wir gestern gelacht.
    ein polizeiaufgebot das seines gleichen sucht. (naja in köln schien es ähnlich schlimm gewesen zu sein.) allerdings schienen die bullen da nicht so eingeschüchtert und voher nicht mit horrorszenarien eingeschworen worden zu sein. immerhin konnten alle mülltonnen geschützt werden. nicht zuletzt durch sinnvoll eingesetzte hamburger gitter die verhinderten aus dem zug heraus in die hecke am bahnsteig zu springen.
    bin gespannt wie die göttinger polizei das rechtfertigen wird.
    btw guter artikel

  2. 2 dorfdisco knows best 12. Mai 2009 um 0:05 Uhr

    Der Friedländer Bürgermeister ist wirklich erste Sahne! Hier redet er, angesprochen auf den Verlauf des 9.Mai, zu erst über das Wetter und dann über Vorgärten (ab Minute 4:00). Manchmal mag ich die unfreiwillige Komik dieser Lokalpolitiker, die sind so herrlich unprofessionell und naiv.

  3. 3 enemenemu 13. Mai 2009 um 16:38 Uhr

    tolle provinzposse..

  1. 1 Rakete Trackback am 11. Mai 2009 um 22:46 Uhr
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