Was wäre das Fernsehen ohne den Führer? – Ein lehrreicher Kurzfilm zum Jahreswechsel

Guido Knopp macht eine Sendung zu – Hitler, ARTE tanzt das Kriegsende und Spiegel-TV präsentiert eine Weltsensation: „Wir zeigen Ihnen jetzt nie gezeigte Kriegsbilder, die zurecht noch nie gezeigt wurden, weil sie langweilig sind.“ Letzteres ist eigentlich nicht einmal eine satirische Zuspitzung, sondern schlicht die Wahrheit. Spiegel-TV schafft es mit seinem Nazitainment ja tatsächlich seit Jahren, die Leuten mit den immer gleichen Filmausschnitten immer wieder vor die Glotze zu kriegen, indem sie jedesmal ein paar Sekunden aus einer Privataufnahme einbauen, die so spannende Ereignisse zeigt wie ein Paar beim Picknick oder Kinder beim Planschen.

Das Rezept ist simpel: Man nehme irgendeine banale Straßenszene, sagen wir Leute an einer Ampel, vorzugsweise in Farbe. Es muss nichts passieren, außer dass die Ampel auf Grün schaltet und die Leute rübergehen. Diese Bilder lasse man nun in Zeitlupe ablaufen und unterlege sie mit einer düster-dräuenden Musik, am besten einer Wagner-Overtüre. Den Off-Sprecher lasse man sagen:

„Berlin, Hitlers Hauptstadt, im August 1939. Das Wetter ist gut, die Berliner gehen ihren Geschäften nach, Spaziergänger warten scheinbar unbesorgt an einer Ampel. (Ganz wichtig: Redundanzen einbauen!) Diese bislang verschollenen Aufnahmen, gedreht von einem frühpensionierten Straßenbahnschaffner auf 16mm-Farbfilm, haben Historiker erst kürzlich in Moskauer Geheimarchiven wiederentdeckt. Die Dokumente liefern uns eine einzigartige Momentaufnahme des Berliner Alltags kurz vor Ausbruch des Krieges. Denn der friedliche Schein trügt – hinter den Kulissen planen Hitler und seine Paladine längst den Überfall auf Polen.“

Jetzt braucht man noch eine alte Dame, die 1939 auch mal in Berlin an einer Ampel stand und deshalb erzählen kann, wie es war, im Unrechtsstaat an einer Ampel zu stehen. Wenn die Dame dann noch einen großen Bruder hatte, mit dem sie damals immer zum Baden an den Wannsee fuhr, bevor er kurz danach im Polenfeldzug fiel – das wäre das Sahnehäubchen.

Unser Film enthält keinerlei historische Informationen, die irgendwem neu sein könnten, geschweige denn vermittelt er auch nur die kleinste Erkenntnis über die Anatomie Nazi-Deutschlands. Aber er wäre Spiegel-TV vom Besten: Ein Minimum an Substanz (die Ampelszene) entfaltet ein Maximum an melodramatischer Wirkung, indem es mittels pseudo-wissenenschaftlichem Gehabe (16mm-Farbfilm, Moskauer Geheimarchive), künstlicher Dramatisierung (Wagner-Ouvertüre) und verlogener Betroffenheitsduselei (toter Bruder) zu einem Popanz aufgeblasen wird.
Doch wären die meisten Zuschauer nicht sauer, weil sie sich von einem derart plumpen Manipulationsversuch in ihrer Intelligenz beleidigt fühlten? Ach wo! Ergriffen wären sie ob der tragischen Bilder, die sie gesehen zu haben meinen („Das kleine Mädchen mit dem Eis neben der Ampel – ob sie im Krieg auch einen Bruder verlieren wird?“), und überzeugt wären sie, dass Stefan Aust da mal wieder ganz hervorragend recherchiert hätte.
Das ist eben das schöne, wenn man für den Spiegel arbeitet: Die Leute kaufen einem den letzten Dreck ab und halten ihn für großen Wissenschaftsjournalismus. Ich glaube, ich bewerb‘ mich da.