Weder Hitler noch normal – Thesen zum WM-Nationalismus und seinen Gegnern, Teil 1

Was hat sich geändert am deutschen Fußballnationalismus, wenn man 2010 mit 2006 vergleicht? Zum einen wird immer noch ständig betont, es sei „ganz normal“, wenn Deutsche mit ihren Fahnen gröhlend und saufend die Siege der deutschen Auswahl feiern. Zum anderen scheint mir die Stimmung aber dennoch ein gutes Stück aggressiver und gehässiger zu sein als vor vier Jahren – was daran liegen dürfte, dass man sich nicht wegen seiner Gastgeberpflichten zurückhalten muss. 2006 schaute im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Welt darauf, wie sich die Deutschen aufführen würden, und ob es hier, etwa für die Fans schwarzafrikanischer Mannschaften, auch sicher sein würde; heute schaut die Welt nach Südafrika, und in Göttingen muss sich niemand mehr darum Gedanken machen, ob er vielleicht in den mexikanischen Abendnachrichten auftaucht, wenn er seiner Freude über ein deutsches Tor mit einem Hitlergruß Ausdruck verleiht. Das genau dies offenbar ausgiebig geschieht, hat Rakete in einer kleinen Reportage bei Monsters of Göttingen über den Abend nach dem Ghana-Spiel dokumentiert.

So weit, so schlecht. Wenn man nun aber die Beobachtungen aus der Reportage kritisch einordnen will, wird es kompliziert: Raketes Schreck über die ganzen Hitlergrüße – und vor allem der über die Ignoranz der umstehenden Deutschlandfans – ist so verständlich wie selbstverständlich; bemerkenswert aber ist sein Zögern, die Hitlergrüßer auch wirklich als Nazis einzuordnen. Liegt es nicht auf der Hand, dass Leute, die in aller Öffentlichkeit den „Deutschen Gruß“ zeigen, auch bekennende Nazis sind? Rakete hat offenbar Zweifel, wenn es um feiernde Fußballdeutsche während der WM geht, und ich würde ihm da recht geben: Wer nach einem deutschen WM-Sieg auf jemanden trifft, der den Hitlergruß zeigt, hat entweder einen echten Nazi vor sich – oder aber einen stinknormalen, postnazistisch sozialisierten Deutschen, der mit dem Hitlergruß das abgibt, was er für einen ironischen Kommentar zum Nationalbewusstsein der Berliner Republik hält.

Äußerlich mögen die Sitten deutscher Fußballfans denen in „normalen“ Nationen wie Frankreich, Polen oder England inzwischen bis zum Verwechseln ähneln; und dass es ganz normal sei, was man tut, wenn man Deutschland feiert, das war ja auch die propagandistische Hauptbotschaft der WM 2006. Innerlich wissen die Deutschen jedoch genau, dass sie niemals „ganz normal“ sein können: Eben weil es mit Hitler nichts mehr zu tun haben darf, wenn man Deutschland guten Gewissens feiern will, haben alle, die für Deutschland sind, automatisch Hitler im Kopf. Es ist wie bei dem Experiment, bei dem es den Leuten verboten ist, an rosa Elefanten zu denken: Wenn man ihnen diese Anweisung gibt, werden sie an nichts anderes mehr denken können als an: rosa Elefanten.

Dieser Umstand ist nun keineswegs eine großartig kritische Erkenntnis, sondern eigentlich ein Gemeinplatz – allerdings einer, der von allen beschwiegen wird, also ein öffentliches Geheimnis. All die Leute, die da in Schwarz-Rot-Gold durch Göttingen wanken, gröhlen, und so tun, als wäre Deutschland eine Nation wie jede andere auch: Sie alle haben die ganze Nazischeiße – wenigstens unbewusst – ständig parat. 2006 waren sie jederzeit bereit, dem imaginierten mexikanischen Fernsehteam zu erklären, dass sie keineswegs und überhaupt gar nicht an Auschwitz denken, wenn sie Deutschland feiern. 2010 sind keine Mexikaner da, weshalb man sich etwas ungezwungener geben kann: Solange man unter sich ist, traut sich der eine oder andere, augenzwinkernd den Hitlerguß zu zeigen – nicht weil er ein Nazi wäre (oder gar weil er meinte, die anderen seien Nazis), sondern um sich von den Mitfeiernden das Einverständnis abzuholen, das laut niemand auszusprechen wagt: Das deutsche Identität ohne Hitler und Auschwitz und WK II nicht zu haben ist, und das man all das zugleich voraussetzt und verleugnet, wenn man so tut, als könne man einen WM-Sieg so unbeschwert feiern wie Ghana auch.

Man könnte fast ein wenig Genugtuung empfinden ob dieser Zwickmühle, in die sich jeder verstricken muss, der Deutschland heutzutage feiern will. Gleichzeitig ist allerdings das, was ihre Gegner der Deutschland-Manie entgegensetzen, oft nicht mehr als die andere Seite der gleichen Medaille. Zur Göttinger Linken und dem WM-Nationalismus deshalb bald mehr, wenn es heißt „Weder Hitler noch normal, Teil 2″


1 Antwort auf „Weder Hitler noch normal – Thesen zum WM-Nationalismus und seinen Gegnern, Teil 1“


  1. 1 Oberschlaule 01. Juli 2010 um 20:11 Uhr

    Schön, dass sich da jemand mal ernsthaft mit dem Thema kritisch beschäftigt. Ich bin schon neugierig wie es weiter geht.
    Grade bei den Linksradikalen hat man ja oft dieses Phänomen, dass jeder Fahnenschwenker gleich als Nazi gilt, die Feierei als völkischer Scheiß abgetan wird. Dabei ist das Phänomen ja ganz klar ein demokratisch geprägter Nationalismus, weil sich ja auch Migranten massenweise dafür entscheiden dürfen, dabei zu sein.
    Allerdings habe ich auch an einigen stellen Zweifel. Die Regierungsposition ist seit Rot-Grün ja eindeutig: Auschwitz ist Teil der „deutschen Identität“. Ich glaube daher, dass das nicht verheimlicht oder verschwiegen wird, sondern eher als Indiz der nationeln Selbkritik und Aufgeklärtheit zu einem Argument für moralische Überlegenheit gemacht wird und damit als Grundlage eines neuen Chauvinismus fungiert.

    Wenn das stimmt, würde das aber auch bedeuten, dass die Differenz zwischen den Deutschland-Fans und -Kritikern gar nicht besonders groß ist: beide Seiten denken bei Deutschland immer an Hitler. (Während die einen dann dagegen konformistisch rebellieren, wird es von den anderen konformistisch verteidigt) Diese „Invention of Tradition“ müsste man dann kritisieren und rausstellen, dass an dieser Fixierung auf Geschichte grade ein antidemokrtisches Moment hängt, weil sich nicht aus freier Selbstbestimmung entspringt, sondern als unentrinnbares Schicksal bewusstlos zustande kommt…. aber darüber muss ich nochmal nachdenken!

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