Weder Hitler noch normal – Thesen zum WM-Nationalismus und seinen Gegnern, Teil 2

So komplex es auch wäre, den nationalen Fußballwahn im Allgemeinen – und den deutschen im Speziellen – zu kritisieren, so leicht scheint es deutschen Linksradikalen zu fallen, sich in diesem Punkt einig zu werden. Anders gesagt: So zerstritten deutsche Linksradikale auch aus gutem Grunde in nahezu allen grundsätzlichen und sachbezogenen Fragen sind, um so leichter fällt es ihnen, in der Ablehnung der deutschen Fußballnationalmannschaft einig zu sein. Der Neuköllner Fahnenstreik (Deutsch-Libanesen gegen Autonome) hat es in die Zeit gebracht; der Göttinger Fahnenraub immerhin ins Tageblatt. In Hannover-Linden wurde nach dem Halbfinale ein stadtbekannter Antiimp beobachtet, wie er sich für das Recht prügeln wollte, Spanien-Fan zu sein – nur fand er in der linksliberalen Kneipe, in der er sich betrunken hatte, niemanden, der ihm dieses Recht streitig machen wollte.

Egal: Antifas, Autonome, Antinationale und Antideutsche – sie alle freuen sich, wenn die DFB-Auswahl verliert, und sie alle finden es gar schröcklich, wenn sie gewinnt, bzw. wenn Deutsche diesen Sieg dann feiern. Wie der Mainstream versucht, jeden noch so rassistischen Ausbruch der Fußball-Deutschen als friedliches Fest zu verkaufen, so versucht die Linke im Gegenzug, jeden blöden Deutschland-Deutschland-Sprechchor zum Beinahe-Pogrom aufzubauschen.

Antideutsche und Antinationale

Bei einigen ist das leicht erklärbar: Die Antinationalen sind gegen Deutschland, weil sie das Konzept der Nation als Verrat am eigenen Interesse betrachten und schon deshalb jeder gegen „seine“ Nation sein müsse – die größten Aufklärungsemphatiker unter den Antinationalen hoffen vielleicht sogar, dass sich aus der Niederlage das Potential für eine Schwächung der nationalen Identität schöpfen ließe. Die Antideutschen sind natürlich auch gegen Deutschland, und zwar weil – na ja, das sagt halt der Name schon. Dabei macht es auch nichts, wenn die DFB-Auswahl inzwischen daherkommt wie die Kreuzberg Allstars beim Karneval der Kulturen: Wenn Deutsche diese Mannschaft feiern, ist Hitler schließlich immer noch mitgedacht (selbst wenn das, wie gezeigt, nicht so einfach ist, wie es in der Regel kritisiert wird).

Sowohl die antideutsche wie die antinationale Haltung ist freilich inkonsequent: Die Antinationalen müssten die WM eigentlich schlicht ignorieren und nur am Rande erfreut zur Kenntnis nehmen, wenn Schland verloren hat. Erfahrungsgemäß versammeln sie sich jedoch mehrheitlich vor dem Fernseher und jubeln für jede beliebige Nationalmannschaft, die gerade gegen Deutschland spielt – womit sie es nolens volens jedesmal begrüßen, wenn sich anderswo der nationale Taumel zu neuen Höhen aufschwingt. Auch die von vielen Antinationalen vorgetragene Behauptung, es gehe ihnen um den schöneren Fußball, nicht um den Sieg einer Mannschaft, stellt sich meist als Schutzbehauptung heraus: Sobald die DFB-Elf aus dem Turnier fliegt, fällt ihre Begeisterung für „schönen Fußball“ in der Regel auf null – womit sich das vorherige Interesse als negative Fixierung auf die deutsche Mannschaft entpuppt, als eine Art negativer Nationalismus, den man sich nicht eingestehen mag.

Die Antideutschen dürfen der eigenen Theorie gemäß zwar negativ auf Deutschland fixiert sein und sich für jeden freuen, der die DFB-Auswahl besiegt – als Statement gegen Antisemitismus, Rassismus und völkischen Nationalismus wird das aber spätestens dann fadenscheinig, wenn die deutsche Auswahl als Melting Pot antritt, während beim Gegner erklärte Rassisten und Faschisten den Ton angeben. (Als Beispiel sei hier das Halbfinale gegen Italien 2006 erwähnt. Francesco Totti ist ja sogar dafür bekannt, dass er schwarze Gegenspieler schon mal auf dem Spielfeld zusammentritt. Die ganze Brutalität dieses Übergriffs lässt sich in den Wiederholungen ca. ab der 50sten Sekunde bestaunen).

Der linke Mainstream

Dass die beiden bis hierhin beschriebenen Strömungen gegen deutsche Siege beim Fußball sind, liegt auf der Hand; dass der linke Mainstream das ähnlich sieht, ist eine relativ junge Entwicklung. Bis in die 80er Jahre hätten weite Teile der Linken eine Kritik am nationalen Fußballtaumel wohl als Einmischung abgehobener Intellektueller in die proletarische Kultur der Arbeiterklasse diffamiert; ein derartiger Bezug auf die deutsche Masse als Arbeiterklasse ist seit der Wiedervereinigung und den Pogromen von Rostock und Hoyerswerda jedoch verpönt – bekanntlich kühlte die Liebe der deutschen Linken zum „kleinen Mann“ in den letzten zwanzig Jahren deutlich ab, und nationale (Fußball-)Delirien sorgen seitdem zunehmend für Unbehagen.

Vielmehr übt sich spätestens seit der WM 2006 auch der klassenkämpferische Teil der Linken in schwerst materialistischer Nationalismuskritik, wie etwa diesem Zitat aus der in Göttingen beliebten Schöner-Leben-Mailingliste zu entnehmen ist: „Nationalismus dient dazu, die Klassenwidersprüche in der bürgerlichen Gesellschaft zu verkleistern und die unterdrückten Klassen für die Interessen der Bourgeoisie einzuspannen.“ Woraus für WM-Verhältnisse zu folgern wäre: All die Lohnabhängigen, die ihren Polo mit schwarz-rot-goldenen Fahnen behängen und schlaaand-selig durch die FuZo torkeln, die wollen das eigentlich gar nicht (zumindest nicht im eigentlichen Sinne des Wortes „Willen“) – die sind alle nur auf einen Reklametrick der Bourgeoisie hereingefallen und wären natürlich ganz anders drauf, wenn sie die Schöner-Leben-Liste statt der Bild-Zeitung lesen würden! Und die ganzen Chefs, die ihre SUVs genauso beklebt haben und von ihren Ostviertelbalkonen dem Pöbel zuprosten? – die machen das nicht, weil sie selbst auf Deutschland stehen und mitfeiern wollen, sondern damit der Lohnabhängige nicht merkt, dass er nur verarscht wird!

Das ist natürlich Vulgärmarxismus vom Feinsten: Zwar ist der Nationalismus bürgerliche Ideologie par excellence, er wird aber nicht von den Reichen benutzt, um die Armen zu beherrschen – er wird von Reichen wie Armen geglaubt. (Eine Debatte über Nation, Nationalismus und ideologische wie materielle Klassenverhältnisse führte hier vom Thema ab, deshalb nur Folgendes: Niemand muss den Leuten die Begeisterung für WM und Nation einreden; sie kommen von ganz alleine drauf. Und genauso wenig nutzt die Regierung die WM für den krassesten Sozialabbau, weil sie hofft, dass „das Volk“ dann nicht aufbegehrte: „Das Volk“ – sprich jeder, der gerade von Kürzungen betroffen ist – hat in den letzten Jahren oft genug bewiesen, dass es auch ohne WM nicht aufbegehrt. Ihr letztes Sparpaket hat die Regierung vor der WM verkündet, und es hat kaum jemanden gestört. Ihr nächstes wird sie nach der WM beschließen – und die Feuilletons werden daraufhin wochenlang über „soziale Unruhen“ debattieren, während die Meinungsforscher nachweisen, dass es bei den nächsten Wahlen wieder zu einer Großen Koalition kommen wird.)

Wenn aber die Massenhysterie um deutsche Fußballspiele, wenn die Begeisterung für Deutschland nicht die Folge einer bourgeoisen Manipulationskampagne ist, dann ist die mainstream-linke Argumentation, die genau das behauptet, falsch und gefährlich. Wie Dimitroffs Faschismustheorie oder die Anti-Springer-Kampagne der 68er ermöglicht sie es einschlägig interessierten Linken, offensichtlich reaktionäres Denken und Handeln „des Volkes“ zu erklären, ohne den Glauben an den progressiven Charakter dieses Volkes infrage stellen zu müssen. Indem sie die Verantwortung auf die Bourgeoisie abwälzt, erteilen sie dem Mob die Absolution: Die real-existierenden Mitglieder der „unterdrückten Klassen“ mögen ihre Individualität an der Schleuse zur Public-Viewing-Arena abgeben; sie mögen im Umfeld eines WM-Spiels nicht mehr als Subjekte agieren, sondern nur noch als Objekte eines Massenphänomens – die Verantwortung für dieses Handeln sollen andere tragen. Zuende gedacht, spricht diese Argumentation den „kleinen Mann“ mit der Deutschlandfahne nicht nur von seinem Nationalkoller während der WM frei – auch Alltagsrassismus, Antisemitismus oder autoritäre Denkformen müssten, wenn die Argumente richtig wären, das Ergebnis einer Manipulation sein, an der die Manipulierten letztlich keine Schuld tragen könnten.

Genau diese uneingestandene Schlussfolgerung ist der Mehrwert der Kritik des WM-Nationalismus‘ als Klassenphänomen: Auf diesem Wege können sich Mainstream-Linke einreden, sie hätten alles übernommen, was an den antinationalen und antideutschen Interventionen der letzten Jahre richtig war, während sie sie gleichzeitig den nationalistisch gesinnten deutschen Normalbürger mit der Fahne in der Hand von all dem historischen und aktuellen Ballast freisprechen, den sie selbst – und zwar völlig zu recht – mit dieser Fahne verbinden.

[Diese Punkte sollen ein Innehalten aufgrund gewisser Ratlosigkeit symbolisieren – eine Spannung entsteht, die in einem Nachklang (zunächst unbefriedigend) aufgelöst wird]

Ende schlecht, alles schlecht? Besser wird es nicht mehr, aber ich bin mit meinen Schlüssen noch nicht zufrieden – Teil 1 und Teil 2 dieses Textes kommen zu scheinbar paradoxen Ergebnissen: Im ersten Teil habe ich kritisiert, dass die Linke den nationalen Taumel während der WM-Spiele dämonisiert, indem sie ihn zu Manifestationen des alten, deutschen Nazismus‘ erklärt; im zweiten Teil kritisiere ich umgekehrt, dass die Linke die Protagonisten dieses Taumels als harmlose Opfer bourgeoiser Manipulationsstrategien entschuldet. Mit etwas Glück komme ich demnächst noch zu einem dritten Teil, in dem zu zeigen wäre, warum dieser Widerspruch kein Schein ist, der einem Fehler meiner Argumentation entspringt, sondern einer, der im linken Denken und Handeln real existiert.


1 Antwort auf „Weder Hitler noch normal – Thesen zum WM-Nationalismus und seinen Gegnern, Teil 2“


  1. 1 AVG 17. Juli 2010 um 11:37 Uhr

    Bevor sich Frau Merkel an den Arbeitslosen und Familien vergreift, sollten endlich die gierigen Zocker, welche die Krise verursacht haben, zur Kasse gebeten werden !
    Unsere Meinung dazu hier:

    http://www.youtube.com/watch?v=qCYRxHz-OY0&feature=channel

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