Denglisch auf dem Vormarsch! So what? – Warum es der deutschen Sprache gut geht und ihre Verteidiger gefährlich sind, Teil 1

Ein Dank vorab: Viele der hier vertretenen Argumente zum Thema „Denglisch“ und zur Kritik an den Sprachhygienikern habe ich im Bremer Sprachblog von Anatol Stefanowitsch gefunden. Die Lektüre dieses Blogs und seines Nachfolgers, des Sprachlogs, kann ich allen Interessierten nur wärmstens empfehlen. Sie lohnt sich – für den Erkenntnisgewinn wie zur Unterhaltung.

Ein Disclaimer vorab: Über Jahre ging ich meinen Freunden damit auf den Geist, sie zu korrigieren, wenn sie bei Erzählungen aus ihrem Uni- oder Arbeitssalltag mit englischen Vokabeln um sich warfen. Das müsse doch auch auf Deutsch gehen, und so weiter – Sie verstehen schon. Wenn ich daraufhin den Vorwurf erntete, ich machte mich mit deutschtümelnden Sprachfanatikern gemein, die englische Musik im Radio verbieten wollten, dann hielt ich das natürlich für ungerecht, war aber bereit, es um der Sache willen zu schlucken. Mit den Fanatikern teilte ich ja immerhin die Meinung, es gäbe eine Inflation englischer Wörter im deutschen Sprachgebrauch, und das Deutsche nähme dadurch Schaden. Das war ein Irrtum: Die Sprache wird zwar von Bürokraten auf der einen Seite so gequält, wie sie von Politikern und Werbefuzzis auf der anderen gegeißelt wird; zwar ist es um die Sprachkompetenz des Durchschnittssprechers schlimm bestellt, und auch die Profis in den Medien schmeißen mit Stilblüten und grammatischen Schludereien um sich, dass es eine Art hat – all das bedroht aber nicht die deutsche Sprache als Ganzes; vor allem ist sie nicht durch fremdsprachliche Einflüsse gefährdet. Die selbsternannten Sprachschützer jedoch, die sind wirklich eine Gefahr; und der Anklang, den sie finden, ist Ausdruck von Schlimmerem. Was ich damit meine, versuche ich im Folgenden zu argumentieren.

Das reine Deutsch – gesprochen nach dem Reinheitsgebot von… wann eigentlich?

Der Denglisch-Phobiker führt als Grund für seinen Eifer gern das Argument an, des Englischen nicht mächtige Zeitgenossen fänden im Bahnhof die Auskunft nicht mehr, seit sie Service-Point heißt. Wäre dem so, wäre das tatsächlich ein Grund zur Sorge, denn der Hauptzweck von Sprache ist schließlich Verständigung. Das Argument lässt sich aber leicht entkräften: Natürlich ist es hochgradig albern, wenn eine Bäckerei-Kette „Back-Factory“ heißt, der Fahrradverleih der notorischen Bahn AG sich „Call-a-bike“ nennt und Karstadt seine Laufschuhe unter dem Namen „Running-Schuhe“ feilbietet – „Choose a Sprache hier!“ möchte man den Werbetextern zurufen. Die Verwirrung, die sie auslösen, hält sich aber schon deshalb in Grenzen, weil es sich um reine Slogans handelt – sie gehen nicht einmal ansatzweise in die Alltagssprache ein. Im Sprachgebrauch geht nach wie vor alles zum Bäcker statt in die „Back-Factory“; um zu erfahren, dass die Laufschuhe, die man gerade gekauft hat, „Running-Schuhe“ heißen, muss man schon auf den Kassenzettel schauen; und selbst am Service-Point im Bahnhof kommt man schneller weiter, wenn man nicht nach der nächsten „Call-a-bike-Station“ fragt, sondern danach, wo man in der Nähe ein Fahrrad mieten kann.

Natürlich gibt es eine Menge englische Wörter, die sich auch ins Alltagsdeutsch einschleichen – bzw. geradezu hineinkrachen, wie etwa kürzlich das Wort „twittern“ –, und genauso natürlich wird es der notorische Verein Deutscher Sprache (VDS) für einen Skandal und für einen Kulturverlust halten, wenn nun auch in Deutschland alle von twittern sprechen, oder von chatten, um ein anderes Beispiel zu nennen. Er wird vorschlagen, man solle doch zwitschern sagen, und schwatzen – das seien schließlich die korrekten deutschen Übersetzungen. Damit entgeht dem VDS aber genau das, was die Sprache gewinnt, wenn sie Wörter aus einer anderen Sprache eingemeindet: Im Englischen bedeutet to twitter sowohl die Lautäußerung von Vögeln als auch die Benutzung des gleichnamigen Computer-Programms; als deutsches Lehnwort meint twittern aber nichts als das Verschicken kurzer Nachrichten via Internet, während die Vögel weiterhin ihren Alleinvertretungsanspruch aufs Zwitschern behaupten können. Es ist also schlicht ein neues Verb ins Deutsche übernommen worden, das eine neue Tätigkeit bezeichnet. Was ist das anderes als eine Bereicherung der Sprache? Noch dazu eine Bereicherung, die man aufgäbe, belastete man das gute, alte Zwitschern mit einer neuen, gänzlich unvogelhaften Zusatzbedeutung?

Im Prinzip weiß jeder Sprachwissenschaftler, dass Sprachen durch die Übernahme neuer Wörter wachsen und sich entwickeln, statt zerstört zu werden, und jeder Sprachjournalist weiß es eigentlich auch – schließlich ist seine eigene Berufsbezeichnung ebenso aus einer Fremdsprache entlehnt wie die seines Chefs (Französisch), des Redakteurs (Französisch). Und doch schreiben diese Journalisten (Französisch) Dutzende von Kolumnen (Latein) oder verbreiten im Studio (Latein) über Mikrofon (Latein) und Kamera (Latein) ihre Philosophie (Alt-Griechisch), wonach die Kultur (Latein) oder gar die Demokratie (Alt-Griechisch) gefährdet seien, wenn einer Handy (Englisch) sagt, statt vom Mobil- (Latein) Telefon (Griechisch) zu sprechen. Lehnwörter begleiten den deutschen Muttersprachler buchstäblich von der Geburt an, wenn er durch die Vagina (Latein) seiner Mutter schlüpft, bis zum Tode, wenn man ihn in den Sarg legt – was vom griechischen sarkophagos abstammt und so scheußlicher- wie treffenderweise „fleischfressend“ bedeutet. Nicht einmal Keller und Kaiser sind im eigentlichen Sinne deutsche Wörter: Beide werden zwar nach den Regeln der deutschen Orthographie (Alt-Griechisch) geschrieben, waren aber in ähnlicher Aussprache und mit der gleichen Bedeutung schon im antiken (Latein) Rom gebräuchlich. Und nimmt man dann noch Wörter wie Toilette, Etage oder Restaurant hinzu, dann wird deutlich, dass man kaum einen deutschen Satz schreiben oder sprechen kann, ohne dabei auf Lehnwörter zurückzugreifen.

Man könnte das ewig fortsetzen: All die angeführten Beispiele sind Fremdwörter und deutsche Wörter zugleich. Um für deutsche Sätze brauchbar zu sein, müssen sie nur der deutschen Grammatik gemäß verwendet werden („gegoogelt“, „trainiert“); die Orthographie dagegen kann eingedeutscht werden („Keller“), muss es aber nicht („Orthographie“). Was den Computer oder das Mobbing von der Chaussee oder der Information unterscheidet, ist einzig der Zeitpunkt, zu dem sie ins Deutsche eingegangen sind – die Messen des Mittelalters wurden in Latein gesungen, der Adel des 17. und 18. Jahrhunderts parlierte französisch, und Opernlibretti wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein fast ausschließlich auf italienisch verfasst.
Was zeigt, dass die deutsche Sprache (wie übrigens jede andere bedeutende Sprache auch und in ähnlichem Maße) seit Jahrhunderten dabei ist, Fremdwörter zu assimilieren: Sie kann Lehnwörter in großen Mengen aufnehmen, ohne dabei unterzugehen; sie läuft nicht Gefahr, an ihnen zu ersticken, sondern schluckt und verdaut sie – teils um sie auf Dauer zu behalten, teils um sie zu ersetzen nach einiger Zeit wieder zu ersetzen: Sei es durch ein ur-deutsches Wort (Coupé durch Zugabteil) oder durch ein anderes Lehnwort (Billet durch Ticket).

Der Service-Point, der Weltkrieg und der Untergang des Abendlands

All die Alltagsbeispiele, die ich gebracht habe, sollten eigentlich reichen, um die Propaganda der Sprachschützer, ihre Dauerwarnungen vor dem Untergang, als Hysterie zu entlarven. Bis vor wenigen Jahren waren es auch nur ein paar erzkonservative Kulturpessimisten, die den Deutschen einen Sprachverlust prophezeiten. Heute ist man sich jedoch auf breiter Front einig, dass es mit der deutschen Sprache bald vorbei sei. Sie verflache immer mehr; selbst der Gebildete könne sich heute besser in Wirtschaftsenglisch ausdrücken als in seiner eigenen Muttersprache. Die Sprache Goethes und Schillers sei auf dem besten Wege, unwiderbringlich verloren zu gehen. Wer es schafft, dieses oder ein ähnliches Lamento als Gast bei Maischberger unterzubringen, der hat schon gewonnen – er hat nicht nur das Publikum auf seine Seite gezogen, sondern auch das Feuilleton. Tags drauf würde man ihn in der Süddeutschen einen „unbequemen Intellektuellen“ nennen, die Welt adelte ihn zum „Kulturkritiker“, und die taz verliehe ihm den höchsten Titel, den die Vollkornbourgeosie so zu verleihen hat: „Querdenker“.

Von rechts bis links, von kulturpessimistisch bis (vermeintlich) kulturkritisch reicht die Front der Sprachschützer und trifft in der Öffentlichkeit auf so ungeteilte Zustimmung, dass man sich fragt, wo eigentlich die Mehrheit herkommen soll, die unsere Sprache angeblich verlottern lässt. Dabei sind die Tiraden der Sprachschützer nicht selten derart durchtränkt mit chauvinistischem Kulturdünkel und antiamerikanischem, antisemitisch konnotiertem Ressentiment, dass einem Angst und Bange werden kann. Denn Schuld an der Misere trage zum einen die amerikanische Unterhaltungsindustrie, die wahre Kultur durch die Ware Kultur ersetze, indem sie Deutschland mit Popmusik, Schundliteratur und Blockbuster-, äh, Straßenfeger-Kino überschwemme. Zum anderen liege die Schuld bei den Deutschen selbst, die sich von oberflächlichen US-Importen hätten blenden lassen, statt die eigene kulturelle Identität zu wahren und die Sprache als deren Kern zu schützen. Als Beispiel sei hier Dietmar Kinder vom erwähnten VDS herangezogen, ein durchaus repräsentatives Exemplar seiner Gattung: „Wir verkaufen heute unsere Seelen für Geld. Ich habe da eigentlich gar keine Ausdrücke für. Es ist mehr als ein Skandal. Ein Volk kann sich gar nicht mehr erniedrigen, [als] indem es seine eigene Sprache nicht mehr spricht, sondern die Sprache der ‚Sieger‘ einfach übernimmt.“ (Zitiert nach: 1) )

Weiter demnächst in Teil 2…


5 Antworten auf „Denglisch auf dem Vormarsch! So what? – Warum es der deutschen Sprache gut geht und ihre Verteidiger gefährlich sind, Teil 1“


  1. 1 Urs Stähelin 22. Juli 2010 um 23:13 Uhr

    Es geht nicht um „reines Deutsch“, so ein Schwachsinn.

    Es geht darum, daß Wörter erfolgreich in einer Sprache integriert werden:

    http://spottlight.ch/?p=74

  2. 2 J6ON 24. Juli 2010 um 0:27 Uhr

    Ja, ganz schrecklich – updaten ist viel, viel schlimmer als OpenÄr! Wie’s mich gruselt.
    + Der armen Weltsprache (as opposed to German) Englisch geht’s dermaßen an den Kragen, dass man so tut, als könne sie sich nicht mehr daran erinnern, was sie in all den Jahrhunderten nicht so richtig integriert hat: kindergarten – oder ist Kleinschreibung schon ein Zeichen von Kreativität (s.u.)? –, Achtung!, masala, coq au vin, inter alia, guerilla, coitus interruptus…
    For further information please see: http://www.lukemastin.com/testing/phrases/cgi-bin/database.cgi?action=home
    Derweil sitze ich im fumoir (all areas) und spreche es nicht „Fümoar“ sondern viel :) hübscher aus. Fü-mo-ar ist Humbug – und wird wie „OpenÄr“ (ebenfalls Humbug, in jeglicher Hinsicht) im oben verlinkten Text auch noch als mutig und „einfach so frech“ und … ! tadaaaaa… „kreativ“ ausgestellt. Beuys hat unverdientermaßen gewonnen: „Jeder ist ein Künstler“, end aim boahrd nau. Bielief mie! So, viele Wörter „in einer [sic] Sprache“ integriert.
    Das Handy jedoch tut nur so, als käme es aus dem Englischen, indem es sich mit ä respektive e aussprechen lässt und mit dem y weite Welt suggeriert. Tatsächlich ist es ganz und gar Zeugs… nicht mal Denglish, und deswegen versteht’s auch keiner am angemaßten Herkunftsort – dort nämlich heißt es cell (szell?) oder mobile (mobail?) phone (Fohn? Die integrierte Abkürzung deutscher Individualisten!). Whatever…
    http://www.youtube.com/watch?v=Xz7_3n7xyDg

  3. 3 Michael Allers 19. Januar 2011 um 13:01 Uhr

    @Autor:
    Chapeau, äh Hut ab! Beim ‚Denglisch‘-Googeln findet man ja leider 99% Sprachhetze von VDS und Nachplapperern, wie ich sie nenne. Da kommen einem nach Zufallsfund und Lektüre eines so grundvernünftigen Artikels beinahe die Tränen.

    Ja, die vorgebliche Sorge um unsere Sprache seitens VDS und Co. ist nichts als billiger Chauvinismus von Leuten, die es offensichtlich nie verwunden haben, dass u.a. (!) Amerikaner und Briten den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Weiteres Zitat: „Das „next stop“ ist überflüssig und ärgerlich. Wir sind keine britische Kolonie.“ ( http://forum.vds-ev.de/viewtopic.php?TopicID=4300 ).

    Die Alternativen ‚Fortsetzung der NS-Barberei‘ oder ’stalinistisches Gesamt-Europa‘ sind für diese Leute anscheinend weniger schrecklich als ein paar englische Lehnwörter in der dt. Sprache – wobei sie im zweiten Fall ein ‚Drussisch‘-Problem gehabt hätten.

    Dass es den Sprachnörglern nicht um Verständlichkeit, sondern um Ab- und Ausgrenzung geht, zeigt die Forderung, Service Point wieder durch ‚Auskunft‘ zu ersetzen. Den Internationalismus ‚Information‘ könnte ja auch ein ‚US-Imperialist‘ verstehen. Die Welt zu Gast bei Freunden?

    Dabei respektiert man letztlich nicht mal das eigene Volk, wie die permanente Darstellung von Deutschen als tumbe Denglisch-Analphabeten („ist Sale nicht ein Fluß?“) zeigt.
    Jedenfalls ist es eine groteske Albernheit, einen ewigen Sprachwandel ausgerechnet beim Event oder Public Viewing stoppen zu wollen.

    Ich werde diese Gedanken auf meiner „Heimatseite“ weiter ausführen, Ihr Blog verlinken und gespannt auf Teil 2 warten, der hoffentlich noch kommt! ;)

    ------------------------------
    @J6ON:
    Das Herumreiten auf den – mangels Masse – ewig gleichen Pseudo-Anglizismen (Handy, Oldtimer, Talkmaster usw.) verursacht bei mir nicht mal mehr ein Gähnen. Ca. 90% der Anglizismen haben (annähernd) dieselbe Bedeutung wie das engl. Ursprungswort.

    Zu den Abweichungen: Briten haben ein anderes Wort für das Mobiltelefon als Amerikaner. Niemanden stört das. Warum also stört man sich am Handy – wenn nicht aus den o.a. Motiven?

  4. 4 J6ON 11. Februar 2011 um 1:56 Uhr

    Aber, aber, aber… es ist doch nunmal kein Anglizismus :( . Sigh… Und meine hartnäckige Ablehnung des Wortes resultiert außerdem aus einer Idiosynkrasie: Ich mag den Diminutiv nunmal nicht! Bierchen und dergleichen – yuckie! Talkmaster finde ich auch dumm, sollndassein?, und die Maßregelung schon vorwegnehmend. Im angloamerikanischen Sprachraum gibt’s bloß den beermeister oder biermeister oder biermaster oder the like, der ist wenigstens oft genug böse oder zumindest ironisch oder jedenfalls witzig gemeint. Wenn jedoch der Kampf gegen die Anglizismen von der Respektlosigkeit gegenüber dem deutschen Volke zeugt, stehe ich ab sofort dahinter :) . (Effacez tous les suspects à l’instant!)
    http://www.youtube.com/watch?v=HM-E2H1ChJM

  5. 5 Administrator 18. März 2011 um 20:46 Uhr

    Lieber Herr Allers,

    vielen Dank – einigermaßen spät – für das nette Lob. War länger nicht mehr auf dem Blog, deshalb hatte ich es glatt übersehen. Werde auch Ihre Seite mit Interesse verfolgen!

    Schönen Gruß
    Der Weltkritiker

    P.S.: Mit der Fortsetzung kann es noch ein bisschen dauern. Habe schon was, aber noch nicht veröffentlichungsfähig.

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