Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft

Japan hat es so richtig übel erwischt, und angesichts der Verwüstungen und der Dreifach-Kernschmelze im AKW Fukushima ist die Fixierung der Medien auf die dortigen Ereignisse auch kaum verwunderlich. Wundern kann man sich allerdings sehr wohl über die Zwischentöne, die sich in Deutschland immer wieder in die Berichterstattung schleichen: Da wird zum einen mit kaum verhohlener Begeisterung vom „Zusammenbruch einer Industrienation“ gefaselt, als stünde dem Land ein Rückfall in die Dritte Welt bevor. Gleichzeitig dürfen sich Ethnologinnen und Historiker, Moderatorinnen und Leitartikler in jeder Sendung und in jedem Text über die famose „Disziplin“ der Japaner auslassen, die trotz des Bebens zur Arbeit gingen (wo es noch eine Arbeit gibt), und ansonsten ruhig in Notunterkünften ausharrten und gemeinsam ihr Überleben organisierten.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass beide Phänomene – der vermeintliche Untergang eines Industriestaates und das kollektive Ärmelaufkrempeln und Weitermachen seiner Bevölkerung – weniger um ihrer selbst willen so hervorgehoben werden, als weil sie im kollektiven Unbewussten des postnazistischen Deutschlands ein paar Saiten zum Klingen bringen, die lange ungezupft geblieben sind. Als Bündnis der völkischen Gemeinschaften gegen den westlichen Individualismus hatte Deutschland mit Japan gemeinsam Krieg geführt; gemeinsam war man untergegangen und gemeinsam war man wieder zu Reichtum gekommen. Obwohl damals alles kaputt schien, waren nach wenigen Jahren aus Ruinen wieder blühende Landschaften erwachsen – und zwar scheinbar aus nichts als aus dem Fleiß und aus dem Durchhaltewillen zweier geschlagener Nationen.
Mir scheint, dass Journalisten wie Rezipienten insgeheim stets diesen Zusammenhang im Kopf haben, wenn sie derzeit über Japan schreiben oder lesen, senden oder schauen. Unmittelbar an die Oberfläche dringt er allerdings nur, wenn Zeitungen, Talkrunden oder Blogs vom „Kamikaze-Einsatz“ schwafeln und damit die Fukushima 50 meinen – doch dazu später.

Keine Sorge um Japan: Kapitalismus heißt Aufschwung durch Untergang!

Natürlich wird Japan nicht untergehen: Gerade die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik beweist, dass der Reichtum einer kapitalistischen Gesellschaft nicht allein vom Zustand seiner Fabriken und vom Lebensstandard der arbeitenden Klassen abhängt. Er hängt auch auch (und vor allem) vom abstrakten Reichtum ab, sprich vom Guthaben auf den Konten der Unternehmer. Das deutsche Wirtschaftswunder war dementsprechend auch weniger dem Fleiß der postnazistischen Volksgemeinschaft geschuldet, als der Tatsache, dass Unternehmen und Konzerne unter Hitler prächtig verdient hatten, und es sich nun leisten konnten, Arbeiter für den Wiederaufbau und den Neustart der Produktion zu bezahlen.
Die Zerstörung der Städte und der vorübergehende Hunger der Bevölkerung erwiesen sich dabei sogar als Wachstumsmotor: Die Baubranche gedeiht prächtig, wenn es an Wohnungen fehlt, und ausgehungerte Arbeiter sind dem Kapital die besten Kunden: Sie haben massenweise Bedürfnisse, die gestillt werden wollen; und sie arbeiten fleißig, um das Geld zu verdienen, das allein diese Bedürfnisse am Markt befriedigen kann.

Ähnlich wird es auch Japan ergehen: Sicher rutscht das Land zunächst in eine Krise, doch für die gröbsten Schäden an den Fabriken kommen die Versicherungen auf, und das Kapital ist noch genauso da wie die Arbeitskräfte, die fürs Weitermachen notwendig sind. Der immense Verlust an Häusern, Autos, Fernsehern und Mikrowellenöfen wird in ein, zwei Jahren in eine immense Nachfrage nach Häusern, Autos, Fernsehern und Mikrowellenöfen umschlagen, und der Krise wird ein neuer Aufschwung folgen.
Von dieser schnöden Mechanik der kapitalistischen Tausch- und Produktionsweise mag man in deutschen Medien aber zur Zeit nichts wissen. Dort berauscht man sich, wie gesagt, am aktuellen Niedergang: Man starrt auf die Bilder der Verwüstung, ist hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Faszination.

Der Traum vom Untergang als spätkapitalistisches Abenteuer

Der Mythos vom tapferen Volk in der Not berührt die Deutsche Seele, und man meint, neben der üblichen, pflichtschuldigen Betroffenheit fast auch ein bisschen Neid auf eine Gesellschaft zu spüren, in der Opferbereitschaft, Heldentum und, vor allem, Unterordnung unter die Gemeinschaft notgedrungen eine Renaissance erleben.
Die Liebe zu solchen „Tugenden“, mit denen man bekanntlich auch ein KZ leiten kann (vgl. O. Lafontaine), hat das deutsche Bewusstsein nie ganz überwunden; adäquat ausleben kann es sie im spätkapitalistischen Alltag jedoch freilich auch nicht. Überhaupt ist der Spätkapitalismus mit seiner Affinität zu Spaß und Konsum keine gute Zeit für deutsche Helden: Im Krieg ließen sich völkische Bedürfnisse noch mittels Fronteinsatz befriedigen – man wühlte sich durch russische Erde, tötete Feinde und wartete auf den Orden oder den Heldentod. Heute dagegen läuft man täglich ins Büro, müht sich acht Stunden ab und wartet auf die Rente. Der Frage nach dem Sinn seiner Arbeit geht man lieber aus dem Weg: Die einzig vernünftige Antwort: „Weil ich das Geld brauche“, ist kaum mit jener internalisierten Staatsräson vereinbar, die alles, was der Einzelne tut, nach dem Nutzen für den höheren Zweck der „Gemeinschaft“ bewertet haben will.

Wer derzeit die deutschen Medien verfolgt, bekommt den Eindruck, als habe das Beben jeden noch so banalen Bürojob, sofern er in Japan erledigt wird, in einen Gottesdienst an der japanischen Nation verwandelt. Jeder Angestellte gerät zum Helden, auch wenn er nichts anderes tut, als Akten zu kopieren oder Strafzettel auszustellen. Die Tätigkeiten selbst können von dieser Warte aus vollkommen sinnlos sein – ihre Weihen beziehen sie aus der Krise, vor deren Hintergrund sie geleistet werden: aus den beschädigten Büros, aus den regelmäßigen Stromausfällen und aus der radioaktiven Wolke, die der Wind jeden Tag nach Tokio tragen könnte. Die verzweifelte Lage adelt den banalen Broterwerb zum Dienst an der Gemeinschaft; von der Arbeit selbst und ihrem trivialen Gehalt wird abgesehen – dass sie überhaupt fortgesetzt wird im Schatten des Untergangs, das macht in den Augen der neuen deutschen Japan-Fans ihren Wert aus.
Glaubt man der entsprechenden Brichterstattung, arbeiten die Japaner (nicht erst) seit dem Beben keineswegs deshalb, weil auch sie Geld brauchen und – Katastrophe hin oder her – laut Arbeitsvertrag jeden Tag pünktlich die Stechuhr zu bedienen haben; ihr Alltag erscheint vielmehr als Aufopferung für den Fortbestand einer Nation am Abgrund. Entsprechend erscheinen Tsunami-Opfer auch nicht als Geschädigte einer Katstrophe, die in Auffanglagern aushalten, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt; sie werden lieber als Akteure kleiner Epen betrachtet, die sich aus Disziplin und aus Liebe zur eigenen Nation alles Klagen und Zagen verbieten.

Von Mördern und Helden

So sehr die Solidarität mit dem von Beben, Tsunami und Atomunfall gebeutelten Japan angebracht ist, so sehr kann einem der beschriebene Trend Angst machen, das japanische Unglück als Projektionsfläche für völkische Untergangs- und Erlösungsphantasien zu missbrauchen: Es ist die Lust am Untergang, die seine Vertreter antreibt, wenn sie sich in wildesten Spekulationen über einen Absturz Japans auf vorindustrielles Niveau ergehen; es ist die untergegangene Volksgemeinschaft, der sie nachtrauern, wenn sie im Katastrophengebiet statt beschädigter, verletzter oder verängstigter Individuen stets nur heroische Kollektive am Werk sehen wollen.
Deshalb wollen sie in den Fukushima 50 auch unbedingt Kamikaze-Krieger sehen, wo doch in Wirklichkeit zwischen beiden Einsatzformen Welten liegen: Die historischen Kamikaze-Flieger sollten ihr Leben opfern, um für Kaiser, Volk und Vaterland einen überlegenen Feind zu töten; die Arbeiter in Fukushima sind bereit, ihr Leben zu riskieren, um den Tod zehntausender Menschen und die Verseuchung ganzer Provinzen zu verhindern. Den einen wurde der Tod als höchste Erfüllung verkauft; die anderen tun alles, was mit ihrer Aufgabe vereinbar ist, um ihr eigenes Leben zu schonen. Wer nicht begreift, worin dabei der Unterschied besteht, der wird auch nicht begreifen, warum man Kamikaze-Bomber als Mörder, die Fukushima 50 aber im besten Sinne des Wortes als Helden bezeichnen muss.


2 Antworten auf „Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft“


  1. 1 Alex H. 19. März 2011 um 13:03 Uhr

    Ich komme mit der heroisierung der Arbeiter in Fukushima nicht ganz klar. Die Informationen die man so liest zeichnen eher das Bild geradezu preußisch geprägter Untertanen, die für die eigene Firma und deren Ruf ins Verderben gehen und weniger für die Menschen. Das bemerkenswerte ist dann wohl eher die Hilfe der ganz gewöhnlichen Menschen, die sich gegenseitig nach der Flutwelle zu überleben helfen.

  2. 2 Administrator 20. März 2011 um 14:14 Uhr

    Das Bild von den Untertanen, die alles, was sie tun, aus Ehre und kritikloser Pflichterfüllung tun, wollte ich ja gerade anzweifeln: Zwar wurden derartige „Tugenden“ auch in Japan stets hochgehalten und sind im Alltag vielleicht noch lebendiger als in Deutschland. Dass Büroangestellte in Tokio derzeit aber nur deshalb ins Büro gehen, weil es die Ehre ihnen gebietet, das halte ich eher für eine Projektion deutscher Medien.

    Das Bild, das diese Medien zeichnen, ist tatsächlich Heroisierung: Die Leute werden nicht für das bewundert, was sie durch ihr Handeln bezwecken, sondern für ihre (reale oder vermeintliche) Opferbereitschaft – auf das Opfer soll es ankommen, der Zweck wird zur Nebensache. Ich habe von Helden im besten Sinne des Wortes geschrieben, weil ich mich von der Heroisierung abgrenzen wollte: Helden in diesem Sinne sind einfach Leute, die eine Gefahr auf sich nehmen, um andere zu retten.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.