Archiv für Februar 2012

„Behinderte“ vs. „Menschen mit Behinderung“ – oder: Diskriminierung als Kollateralschaden politisch korrekter Sprache

Politisch korrekte Sprache ist vom Klang und vom Schriftbild her meistens eine Zumutung, aber wenn sie tatsächlich dazu führte, Diskrimierung in der Gesellschaft abzubauen – man hätte das wohl in Kauf zu nehmen. Dieser Nutzen allerdings ist in vielen Fällen fragwürdig, und am Beispiel der inzwischen durchgesetzten Bezeichnung „Menschen mit Behinderungen“ lässt sich zeigen, dass derartige Sprachregelungen sogar schaden können. Eingeführt wurde sie, weil die herkömmliche Bezeichnung „Behinderte“ die Bezeichneten sprachlich auf ihr Gebrechen reduziere; die politisch korrekte Variante betone dagegen, dass es sich bei ihnen um Menschen handele, die neben einer Vielzahl anderer Eigenschaften eben auch eine Behinderung aufwiesen.

Rein formal lässt sich dieses Argument schnell als pseudowissenschaftlich abtun. Es ist schließlich alltägliche Praxis und hat nicht das Geringste mit Diskriminierung zu tun, eine vielseitige Person in einem bestimmten Kontext auf eine einzige Eigenschaft zu reduzieren, indem man sie mit dieser Eigenschaft bezeichnet – jeder weiß, dass „der Kunde“ außerhalb des Bäckers auch Angestellter, Vater oder Hallenhalma-Weltmeister sein kann; oder dass „die Brillenträgerin“ nur dem Wort nach nichts anderes tut, als eine Brille zu tragen, nebenbei aber vielleicht noch einen Konzern leitet. Im Zusammenhang mit ihrem Beruf würde man sie entsprechend als „die Vorstandsvorsitzende“ bezeichnen. Dies extra zu betonen, indem man aus ihr einen im Vorstand arbeitenden „Menschen mit Sehschwäche“ machte, wäre für alle Welt als gespreizter Unsinn zu erkennen – warum sollte das bei „Menschen mit Behinderungen“ also anders sein?
(mehr…)