„Behinderte“ vs. „Menschen mit Behinderung“ – oder: Diskriminierung als Kollateralschaden politisch korrekter Sprache

Politisch korrekte Sprache ist vom Klang und vom Schriftbild her meistens eine Zumutung, aber wenn sie tatsächlich dazu führte, Diskrimierung in der Gesellschaft abzubauen – man hätte das wohl in Kauf zu nehmen. Dieser Nutzen allerdings ist in vielen Fällen fragwürdig, und am Beispiel der inzwischen durchgesetzten Bezeichnung „Menschen mit Behinderungen“ lässt sich zeigen, dass derartige Sprachregelungen sogar schaden können. Eingeführt wurde sie, weil die herkömmliche Bezeichnung „Behinderte“ die Bezeichneten sprachlich auf ihr Gebrechen reduziere; die politisch korrekte Variante betone dagegen, dass es sich bei ihnen um Menschen handele, die neben einer Vielzahl anderer Eigenschaften eben auch eine Behinderung aufwiesen.

Rein formal lässt sich dieses Argument schnell als pseudowissenschaftlich abtun. Es ist schließlich alltägliche Praxis und hat nicht das Geringste mit Diskriminierung zu tun, eine vielseitige Person in einem bestimmten Kontext auf eine einzige Eigenschaft zu reduzieren, indem man sie mit dieser Eigenschaft bezeichnet – jeder weiß, dass „der Kunde“ außerhalb des Bäckers auch Angestellter, Vater oder Hallenhalma-Weltmeister sein kann; oder dass „die Brillenträgerin“ nur dem Wort nach nichts anderes tut, als eine Brille zu tragen, nebenbei aber vielleicht noch einen Konzern leitet. Im Zusammenhang mit ihrem Beruf würde man sie entsprechend als „die Vorstandsvorsitzende“ bezeichnen. Dies extra zu betonen, indem man aus ihr einen im Vorstand arbeitenden „Menschen mit Sehschwäche“ machte, wäre für alle Welt als gespreizter Unsinn zu erkennen – warum sollte das bei „Menschen mit Behinderungen“ also anders sein?

„Behinderter“ als diskriminierender Begriff

Doch ganz so einfach darf man sich die Kritik der political correctness nicht machen, denn wenn man neben der sprachlich-formalen Ebene auch die inhaltliche mit einbezieht, sieht die Sache anders aus: Die Bezeichnung „Behinderter“ prägt auf ganz andere Weise das Bild einer Person als die Bezeichnung „Brillenträger“ – während letztere eine reine Äußerlichkeit betrifft, ein modisches Accessoire, notwendig wegen einer alltäglichen, weit verbreiteten Sehschwäche, so scheint erstere das Innerste der Persönlichkeit zu treffen. Das Alltagsbewusstsein verbindet mit Behinderten stets hilfsbedürftige, unselbständige und kranke Menschen, die ihres Schicksals wegen zu bedauern, als bürgerliche Subjekte aber nicht so recht ernstzunehmen seien.

Ein Behinderter mag durchaus eine glückliche Ehe führen, in seiner Freizeit Rollstuhlbasketball spielen und beruflich als Konzertpianist Erfolge feiern – man wird ihn zuförderst als „Behinderten“ sehen, und noch der letzte Musikbanause wird sich zu dem gönnerhaften Urteil berechtigt fühlen, für „einen wie ihn“ habe er es am Klavier ja weit gebracht. Wie ein echter Musiker, ist der Subtext, der ein solches Lob zu einer Ohrfeige macht. Anders gesagt: Der Begriff „Behinderter“ liefert die Bezeichneten den Vorurteilen der Gesellschaft aus; und wenn eine neue Sprachregelung daran etwas änderte, könnte man sie nur unterstützen.

Dass eine Umschreibung wie „Menschen mit Behinderungen“ dies tatsächlich bewirkt, steht allerdings in Frage. Denn erstens beruht sie auf dem Irrglauben, die Probleme der Welt rührten von schlechten Begriffen her und ließen sich überwinden, indem man bessere an ihre Stelle setzte. Und zweitens wäre „Menschen mit Behinderungen“ selbst, wenn das stimmte, so ziemlich das Gegenteil eines besseren Begriffs – er will nämlich einfach nicht das zum Ausdruck bringen, was er eigentlich sagen soll, sondern wirkt paradox. Aber der Reihe nach:

Von Sein und Bewusstsein

Über Jahrhunderte etablierte Diskriminierungen sollen sich aus der Welt schaffen lassen, indem man diskriminierende Begriffe durch neutrale ersetzt – das ist die Hoffnung, auf denen die political correctness basiert. Doch ist es, sagt bekanntlich Marx, nicht das Bewusstsein, welches das Sein bestimmt; zumindest unter den Bedingungen von Staat und Kapital bestimmt vielmehr das Sein das Bewusstsein. Und auch die Sprache gehört, als wichtigstes Kommunikationsmittel, in die Sphäre des gesellschaftlichen Seins: Sie hat objektiven Charakter und ist geprägt von den Prozessen einer Gesellschaft, deren Entwicklung dem bewussten Zugriff der Subjekte weitgehend entzogen ist.

Die Bedeutung, die ein Begriff annimmt, wird deshalb sowenig von Individuen oder Gruppen bestimmt, wie sie auf den ursprünglichen Sinn eines Wortes beschränkt bliebe. Sie ist geprägt vom gesellschaftlichen Kontext, in dem der Begriff steht, und im Laufe der Zeit starken Veränderungen unterworfen: „Computer“ etwa war früher die Berufsbezeichnung für (meist weibliche) Angestellte, die in Großraumbüros saßen und arbeitsteilig Berechnungen anstellten. Als Bezeichnung für elektronische Datenverarbeitungsmaschinen setzte sich der Begriff erst durch, als diese ihren Siegeszug antraten und die „Berechnerinnen“ in den Büros ersetzten.

Von „Negern“ und „Schwarzen“

Das Wort „Neger“ meint etymologisch nichts anderes als „Person mit schwarzer Hautfarbe“ – semantisch ist es jedoch angesichts seiner historischen Genese nicht zu trennen von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus. Ein ursprünglich „unschuldiges“ Wort, vom Ursprung her eng verwandt mit der unverdächtigen Bezeichnung „Schwarzer“, ist heute derart von Diskriminierung und Unterdrückung geprägt, dass niemand es mehr unschuldig gebrauchen kann. Hätte sich allerdings statt seiner das Wort „Schwarzer“ schon während der Kolonialzeit durchgesetzt, dann wäre heute dies das verbrannte Wort, und die politisch korrekte Bezeichnung für Leute mit dunkler Haut müsste anders heißen.

Wenn es aber der gesellschaftliche Kontext ist, der einem Begriff seine diskriminierende Bedeutung verleiht, dann heißt das im Umkehrschluss nichts Gutes für die Möglichkeiten wohlmeinender Umbennungen: Wörter und Begriffe sind nicht dasselbe; Wörter sind, grob gesagt, Namen für Begriffe, deren Gehalt von diesem Namen zunächst einmal unabhängig ist. Sowenig sich also die Bedeutung des Begriffs „Stuhl“ ändert, wenn ich ihn mit dem englischen Wort „chair“ bezeichne, sowenig verschwindet der diskriminierende Gehalt des Begriffs „Neger“, wenn ich an seiner Statt das Wort „Schwarzer“ einführe – was inzwischen bekanntlich selbst die NPD übernommen hat, ohne dass dies an ihrem Rassismus das Mindeste geändert hätte.

Übertragen auf unser Thema heißt das: Die Phrase „Menschen mit Behinderungen“ schleppt als neuer Name für „Behinderte“ sämtliche diskriminierenden Konnotationen mit sich, die schon dem alten Begriff innewohnen. Wenn sich der Mainstream unter „Behinderten“ keine handelnden Subjekte vorstellen kann, wird er auch bei „Menschen mit Behinderungen“ nicht an gleichberechtigte Bürger denken, sondern an Objekte des Mitleids, der Fürsorge und der Verwaltung. Wenn dieser Mainstream andererseits einmal so weit wäre, dass er nicht nur einen Rollstuhlfahrer als Minister akzeptierte, sondern auch geistig Behinderte als Klassenkameraden seiner Kinder; wenn die Personalchefin einen Spastiker nicht mehr der Quote wegen einstellte, sondern wegen seiner Fähigkeiten; und wenn Opernfans Andrea Bocelli als überbezahlten Kitschbarden entlarvten, weil sie endlich auf seinen Gesang hörten, statt ihn seiner Blindheit wegen zu feiern – dann könnte man das Wort „Behinderte“ auch getrost beibehalten. Der Wandel der Gesellschaft hätte ihm seinen diskriminierenden Charakter genommen.

Erziehung durch Sprache?

Namen sprechen dennoch einiges darüber aus, was unter einem Begriff gefasst wird. So ist mit der Bezeichnung „Einwanderer“ oder „Migranten“ zunächst einmal die gleiche Personengruppe gemeint, die vor vierzig Jahren unter dem Namen „Gastarbeiter“ ins Land kam – während jedoch in der alten Bezeichnung die Erwartung mitschwang, die Leute würden bald wieder in ihr Herkunftsland verschwinden, drückt die neue aus, dass sie Teil der Gesellschaft geworden sind und hierbleiben werden. Heute können viele Einwanderer die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben; damals wäre das undenkbar gewesen. Der neue Name geht in diesem Beispiel also sehr wohl mit einer neuen Realität für die Betroffenen einher.

Nur wäre es wiederum ein Fehlschluss, diese Entwicklung auf die neue Bezeichnung zurückzuführen. Hätte jemand 1960 versucht, statt von Gastarbeitern von Einwanderern zu sprechen, um damals schon den heutigen Stand zu erreichen, hätte ihm niemand zugehört. Das Wort konnte sich erst durchsetzen, nachdem die Gastarbeiter zu Restaurantbetreibern, Obsthändlerinnen und Spediteuren – kurz: zu Teilen dieser Gesellschaft geworden waren. Es war also weniger das neue Wort, das dieser Gruppe einen neuen Status ermöglicht hätte; vielmehr hatte sich ihre soziale Realität so sehr verändert, dass deren Beschreibung nach einem neuen Begriff mit einem neuen Namen geradezu verlangte. Diese Bedingungen sind aber nicht gegeben, wenn statt von „Behinderten“ plötzlich von „Menschen mit Behinderungen“ die Rede sein soll. Eine solche Regelung trägt keiner Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit Rechnung, sondern nur dem volkspädagogischen Wunsch, die Wirklichkeit möge sich der Regelung anpassen.

Diese Form der Erziehung durch Sprache ist das eigentliche Terrain der politisch Korrekten, und hat, wie eingangs erwähnt, in bestimmten Fällen sogar ihre Berechtigung. Mit diesen Fällen hat man es zu tun, wenn die alte, zu ersetzende Bezeichnung an sich bereits einen diskriminierenden Charakter (erworben) hat; wenn also schon das Wort eine negative Konnotation transportiert: Der „Neger“, der „Mongo“, die „Schwuchtel“, etc. Hier kann man den Versuch unternehmen, den Begriff von seinen diskriminierenden Momenten zu befreien, indem man ihm einen neuen, neutraleren Namen gibt. Es ist zwar fraglich, ob Rassisten ihre Ressentiments verlieren, wenn statt von „Niggern“ nur noch von „Schwarzen“ die Rede ist. Wenn sie jedoch ungestraft „Nigger“ sagen dürfen, reichen sie die Ressentiments in jedem Falle weiter, weshalb an der Ächtung des Wortes auch kein Weg vorbeiführt.

Das Wort „Behinderte“ passt aber gerade nicht in dieses Muster; es ist für sich genommen erst einmal vollkommen neutral. Es beschreibt Menschen, die eben körperlich oder geistig in der einen oder anderen Form beeinträchtigt sind, ohne als Wort ein Urteil über die Bezeichneten zu enthalten. In diesem Falle stecken die Ressentiments also nicht im Namen des Begriffs, sondern im Begriff selbst – und sie stecken auch weiterhin darin, wenn man diesen Namen ändert. Die Frage ist also, wie es der Emanzipation dienlich sein soll, wenn eine an sich nicht diskriminierende Bezeichnung durch eine andere ersetzt wird. Dies soll in diesem Falle geschehen, indem man das Wort „Mensch“ einführt, damit jede Erwähnung eines Behinderten gleichzeitig an dessen Zugehörigkeit zur Gattung gemahnt. Genau das stellt sich jedoch bei näherem Hinsehen als Falle heraus.

Die Fallstricke des Wortes „Mensch“

Auch wenn die Bezeichnung „Behinderter“ die übrigen Eigenschaften des Bezeichneten dominiert, so bezieht sie sich doch immer und ohne jede Frage auf einen Menschen. In Bezug auf andere Lebewesen ist das Wort schlicht nicht gebräuchlich. Wenn man nun aber einen Umstand, der eigentlich selbstverständlich ist, extra noch einmal betont, dann tritt ein paradoxer Effekt ein: Der Umstand wird nicht bestärkt, sondern in Frage gestellt. Auch hierfür gibt es Beispiele: In Deutschland trauen sich viele seit 1945 nicht mehr so recht, von „Juden“ zu sprechen, weil das Wort unter Hitler schließlich eine Beleidigung war und für die so Bezeichneten einem Todesurteil gleichkam. Bis heute reden deshalb viele von „Menschen jüdischen Glaubens“ und wollen damit sich, den Juden und aller Welt beweisen, dass sie mit Antisemitismus nichts am Hut hätten. Sie wollen zeigen, dass die Juden in Deutschland heute als Gleiche unter Gleichen anerkannt seien – tatsächlich beweisen sie aber nur, wie neurotisch ihr Verhältnis zu den Juden bis heute ist.

Zum einen klingt ihnen das Wort „Jude“ immer noch wie eine Diskriminierung in den Ohren, weshalb sie alles tun, um es im Alltag zu vermeiden. Zum anderen müssen sie den Status der Juden als Menschen ständig betonen, weil dieser Status nach Auschwitz alles andere als selbstverständlich ist. Noch in der freundlichsten Beteuerung des Deutschen, die Juden wären jetzt als Bürger anerkannt, reproduziert sich die Differenz zwischen den Juden, die Anerkennung erfahren, und den Deutschen, die Anerkennung gewähren – oder im Zweifelsfall eben auch wieder zurückziehen können. Wie schnell das geht, zeigt sich jedesmal, wenn eine prominenter „Mensch jüdischen Glaubens“ allzu offen Farbe für Israel bekennt: Dann wird er nämlich überschüttet mit Beschimpfungen und der Forderung, er solle doch „nach Hause“ zurückkehren. Womit selbstverständlich nicht München, Frankfurt oder Berlin gemeint ist, sondern Jerusalem oder Tel Aviv.

Nun funktionieren Ressentiments gegenüber Behinderten anders als der Antisemitismus, doch zwischen den Bezeichnungen „Mensch jüdischen Glaubens“ und „Mensch mit Behinderungen“ gibt es einige Parallelen. Auch „Mensch mit Behinderungen“ soll eine Selbstverständlichkeit ausdrücken – nämlich die, dass es sich bei den Bezeichneten eben um Menschen handele. Und auch diese Formel legt, weil sie eine Selbstverständlichkeit verdoppelt, nahe, dass mit ihr ebensogut das Gegenteil gemeint sein kann: Dass das Mensch-Sein der Bezeichneten in Wahrheit fraglich wäre, und man offenbar ständig daran erinnern muss, damit es nicht in Vergessenheit gerät.

Denn Überbetonung weckt Zweifel – im Flugzeug bekommt man es ja auch spätestens dann mit der Angst zu tun, wenn der Pilot via Lautsprecher zum dritten Mal betont, seine Crew habe alles im Griff. Ganz gegen die Intention der politisch Korrekten lässt die neue Anrede die Behinderten nicht menschlicher erscheinen, sondern weniger menschlich; die Behinderung wird nicht in Relation gestellt zu allen anderen Eigenschaften eines vielseitigen Individuums, sondern hinterrücks hervorgehoben. Die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ ist also nicht nur sprachlich ein Krampf, sondern geht auch inhaltlich nach hinten los; genau wie die „Menschen jüdischen Glaubens“, die „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder die „Menschen ohne festen Wohnsitz“. Diese Phrasen helfen nicht den Benannten, sondern nur den Benennern – sie kommen sich kritisch und reflektiert vor, wenn sie sie verwenden; und sie merken nicht, dass sie den Ausschluss, den sie vermeiden wollen, in Wahrheit noch einmal verdoppeln.


12 Antworten auf „„Behinderte“ vs. „Menschen mit Behinderung“ – oder: Diskriminierung als Kollateralschaden politisch korrekter Sprache“


  1. 1 achne 22. Februar 2012 um 17:42 Uhr

    vieles ist hier falsch.
    natürlich wird über den begriff „behindert“ eine dichotomie zwischen behindert und angeblich normal aufgemacht. natürlich sind nicht beide seiten gleichwertig. natürlich wird über die veränderung des wortes die gesellschaft nicht verändert. aber du scheiterst daran zu erkennen, dass es in einer von herrschaft durchzogenen gesellschaften keine unschuldigen worte geben kann.
    das n-wort war nie unschuldig. es ist von anfang an mit kolonialismus verbunden.
    auch „mongolismus“ (als soft-variante von „mongo“) heisst nicht ohne grund so bescheuert sondern kam schon rassistisch in die welt.
    politisch korrekt bedeutet politisch richitg, politisch sinnvoll. dass eine reine umbenennung von wenig veränderten begriffen politisch sinnvoll im sinne von emanzipation sein soll – wer behauptet sowas? diejenigen, die sprachliche veränderung zur befriedung von konflikten und zur verhinderung von eigentlicher veränderung nutzen, reden nicht von emanzipation. sonst könnten sie nicht verordnen.
    dein feindbild „die politisch korrekten“ ist diffus, du teilst es mit rechten und rechtsrechten international. ebenso dein appell an den gesunden menschenverstand und an ein vermeintlich natürliches sprachgefühl (das nur das gewohnte schätzt, igitt). das ressentiment spielt auf vielen klaviaturen, antisemitismus kommt codiert aber auch vollkommen offen vor. das klammerst du aus. dein ausgangspunkt, dass worte bedeutungen transportieren, die aus den gesellschaftlichen verhältnissen resultieren, ist richtig, leider elaborierst du in lauter falsche richtungen. wer hat übrigens wo diese „neue“ bezeichnung durchgesetzt? die selbstbezeichnungen von div. orgas klingen ja doch anders.

  2. 2 Administrator 22. Februar 2012 um 20:15 Uhr

    Hallo Achne,

    vieles an Deiner Antwort ist falsch bzw. beruht auf Missverständnissen:

    1. Ich habe nicht bestritten, dass das Wort „Behinderte“ ausgrenzenden Charakter hat. Nur, dass „Menschen mit Behinderungen“ diesen Charakter nicht hätte.

    2. Habe ebenfalls nicht behauptet, „Neger“ wäre jemals unschuldig verwendet worden (individuell wohl schon, gesellschaftlich aber nicht). Als unschuldig habe ich lediglich seine etymologische Bedeutung bezeichnet – „Schwarzer“, halt.

    3. Ich habe Vorbehalte gegenüber der Political Correctness, weil sie m.E. kritisches Denken durch Sprachregelungen ersetzt, die dann nach hinten losgehen bzw. Denkverbote errichten. Mein Feindbild sind die Korrekten aber nicht – ich zähle mich jedenfalls nicht zu den selbsternannten Unkorrekten, die eigentlich nur auf einen Freibrief für ihre Ressentiments aus sind.

    4. An ein „natürliches Sprachgefühl“ habe ich bestimmt nicht appelliert, weil ich gar nicht weiß, was das sein sollte – Sprache ist gesellschaftliche Konvention, und das habe ich auch geschrieben. Und der „gesunde Menschenverstand“ ist für mich auch nur knapp vom gesunden Volksempfinden entfernt. Wo Du diesen Appell findest, müsstest Du noch mal explizieren.

    5. Wer die Bezeichnung durchgesetzt hat, weiß ich nicht; jedenfalls ist sie durchgesetzt – in Behörden, Politik und Medien.

    Soweit erstmal.

    Gruß
    Der kleine Weltkritiker

  3. 3 moppus 22. Februar 2012 um 21:29 Uhr

    Sowenig sich also die Bedeutung des Begriffs „Stuhl“ ändert, wenn ich ihn mit dem englischen Wort „chair“ bezeichne, sowenig verschwindet der diskriminierende Gehalt des Begriffs „Neger“, wenn ich an seiner Statt das Wort „Schwarzer“ einführe […]

    aber vorher was von historischer genese und semantik faseln. dein text passt doch von und hinten nicht.

  4. 4 Administrator 22. Februar 2012 um 22:18 Uhr

    Wieso? Vielleicht hätte ich statt “, wenn“ besser „allein dadurch, dass“ schreiben sollen, aber sonst ist das doch klar: Die rassistischen Ressentiments, die man hierzulande in Jahrhunderten des Kolonialismus und der Entwicklungshilfe verinnerlicht hat, sind nicht plötzlich einfach dadurch weg, dass man ein Wort ächtet. Kein Polizeibericht schreibt heute noch von „Negern“, und doch werden Schwarze am Bahnhof ständig nach Drogen kontrolliert. Weil der Begriff von einem Gegenstand (oder in diesem Falle: von Leuten einer bestimmten Hautfarbe) nicht allein dadurch ein anderer wird, dass man ihn anders bezeichnet.

    Umgekehrt gilt aber auch, wie ich später im Text noch zu beschreiben versuche: Im Falle „Neger“ muss das Wort dennoch geächtet werden, weil es schon als Wort so viele Ressentiments transportiert, dass eine Wandlung des Begriffs nicht möglich ist, solange das Wort bleibt. Was für das Wort „Zigeuner“ ebenso gilt, nicht aber für das Wort „Jude“ – Hauptgrund dürfte sein, dass man es in den ersten beiden Fällen ausschließlich mit Fremdbezeichnungen, in der letzteren aber auch mit einer Eigenbezeichnung zu tun hat.

  5. 5 moppus 22. Februar 2012 um 23:58 Uhr

    der BEGRIFF „neger“ muss geächtet werden, weil er ressentiments transportiert, nicht das WORT „neger“. WÖRTER sind tatsächlich austauschbar, nicht aber BEGRIFFE, die „semantisch […] angesichts [ihrer] historischen Genese“ nicht zu trennen sind von den jeweiligen diskriminierungen. komm doch mal mit deinen eigenen begrifflichkeiten klar!

  6. 6 moppus 23. Februar 2012 um 0:02 Uhr

    im klartext: du hast im ausgangsbeitrag den fehler gemacht, WORT und BEGRIFF durcheinanderzuwürfeln und machst es (wie im letzten kommentar) immer noch.

  7. 7 moppus 23. Februar 2012 um 0:14 Uhr

    ein schwarzer freund von mir empfand übrigens den begriff „schwarzer“ keineswegs als diskriminierend und wollte – wenn in einer erzählung die hautfarbe von belang war – auch so genannt werden. nannte ihn jemand „neger“, konnte er sehr böse werden. das WORT „schwarzer“ kommt eben nicht im BEGRIFF „neger“ vor, den du hier quasi als begrifflichen „container“ hinstellen willst. der diskriminierende gehalt ändert sich nicht, er ist schlicht ein ganz anderer, da sowohl das WORT als auch der BEGRIFF sich ändert und „schwarzer“ eine ganz andere konnotation (im rassistischen kontext) hat.

    anders als „nigger“ im amerikanischen. hier ändert sich nicht das WORT durch den sprechort des „nigger“ sagenden, sondern der BEGRIFF. wiederum durch die selbstbezeichnung, wie du ja auch bei dem WORT „jude“ erkannt hast, das oft genug auch als schimpfwort gebraucht wird. kommt eben auf den rassistischen (bzw. antisemitischen) kontext an. das gleiche bei behinderten und menschen mit behinderungen. es kommt darauf an, wer es wann und wie in welchem kontext benutzt, nicht auf WORT. sondern eben auf den BEGRIFF, welcher semantisch generiert ist und stetig generiert wird.

  8. 8 moppus 23. Februar 2012 um 0:19 Uhr

    WORT = aneinanderreihung von buchstaben

    BEGRIFF = was menschen unter einem wort begreifen

  9. 9 tee 23. Februar 2012 um 0:42 Uhr

    Stark. Eine wohl ähnlich hoffnungslose Diskussion mit einem „Kritiker“ gab es mal ab hier. Der wollte auch partout nicht schnallen, dass Begrifflichkeiten durch Konnotationen entstehen und so als diskriminierend konnotierte Begriffe sich durchaus durch andere ersetzen lassen. Dass dadurch die Diskriminierung selbst nicht verschwindet – geschenkt. Aber „immerhin“ fühlen sich die sonst diskriminierten Leute nicht noch abgewertet (durch klar rassistisch konnotierte Begriffe wie „Neger“ (und nicht „Schwarzer“, das ist Humbug)).

    Ob das bei „Menschen mit Behinderungen“ auch zutrifft, wage ich jedoch – nicht zuletzt aus persönlicher Erfahrung – zu bezweifeln. Das lässt sich keineswegs mit der „Neger-Debatte“ vergleichen.

  10. 10 Administrator 23. Februar 2012 um 0:51 Uhr

    Meine Güte, Moppus, Du regst Dich ja richtig auf. Dabei sind wir nicht so arg weit voneinander entfernt. Der Kern des Problems in meinem Ausgangstext besteht doch gerade darin, dass man Begriffe nicht ächten kann, sondern höchstens umbennenen – was aber die Schwierigkeiten nicht automatisch erledigt.

    Der Begriff ist nämlich irgendwo zwischen dem angesiedelt, was Leute unter einem Wort begreifen, und dem, was sie unter dem Gegenstand verstehen, den sie mit dem Wort bezeichnen. Der Unterschied ist graduell, manchmal aber entscheidend.

    Vielleicht könnte man es so sagen: Was das Wort „Schwarze“ vom Wort „Neger“ unterscheidet, ist seine Offenheit für die Begriffsbildung – wer „Neger“ sagt, ist notwendig ein Rassist, weil sich die rassistische Komponente des Begriffs schon im Wort ausdrückt. Wer „Schwarzer“ sagt, kann zwar auch ein Rassist sein, genauso gut aber einen anderen, nicht-rassistischen Begriff von Leuten mit dunkler Haut im Kopfe haben. Weshalb „Schwarzer“ nicht per se rassistisch ist, „Neger“ aber schon.

    Zum Thema Sprechort und Kontext erbitte ich eine Denkpause bis morgen.

    Eine gute Nacht wünscht
    Der kleine Weltkritiker

  11. 11 ekmek 23. Februar 2012 um 22:03 Uhr

    Um mal ein neues Fass aufzumachen:

    1.) Der Begriff des „Behinderten“ ist auch aus politisch korrekter Perspektive eigentlich dem Begriff des „Menschen mit Behinderung“ vorzuziehen.

    Ein „Behinderter“ (Mensch, das muss man wie bereits angemerkt nicht extra erwähnen )ist jemand, welcher durch etwas behindert wird. Ob das nun durch eine körperliche Schädigung oder gesellschaftliche Barrieren geschieht ist dabei vollkommen offen.

    Im Begriff des „Menschen mit Behinderung“ wird aus diesem jemand ein Mensch mit einer an ihm haftenden Eigenschaft. Der Mensch wird nicht behindert, er hat eine Behinderung.

    2.) Zur Überbetonung des Behinderten als Mensch mit eben solchen Rechten liegt die Sache allerdings nicht ganz so einfach, auch wenn sie das eigentlich sollte.

    1994 wurde der Artikel 3GG nicht gänzlich ohne Grund um den Passus „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ergänzt. Die gesellschaftliche Realität machte es notwendig die Rechte von Menschen mit Behinderungen dort festzuschreiben.

    Ebenso ist auch die „UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ von 2006 keineswegs nur Schall und Rauch sondern sie schreibt aus einer Notwendigkeit heraus Menschenrechte für Behinderte fest, welche eigentlich mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bereits gedeckt sein sollten.

    Zu sagen: „Alle Menschen sind gleich, auch Frauen, auch Behinderte“ (sinngemäßg Absatz (2) und (3) von Artikel 3 GG)höre sich bescheuert an und verstärke eher die Trennung ist zwar richtig, dies hat aber dennoch historisch gewachsene Gründe.

  12. 12 tee 24. Februar 2012 um 0:37 Uhr

    Ein „Behinderter“ (Mensch, das muss man wie bereits angemerkt nicht extra erwähnen )ist jemand, welcher durch etwas behindert wird.

    So sehen das aber die meisten Leute bei dem Begriff aber nicht. Es ist oft kein behindert werden, sondern ein behindert sein. Und das ist gleich mit eine Behinderung haben.

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