Archiv für Juli 2012

Robert Kurz ist tot – eine Erinnerung

Robert Kurz, der Spiritus Rector der untergangsorientierten Wertkritik, ist tot. Er wurde 68 Jahre alt. Laut Spiegel Online starb er am Mittwoch an den Folgen einer Nierenoperation, in deren Verlauf die Ärzte versehentlich seine Bauchspeicheldrüse beschädigten. In den Achtzigerjahren hatte Kurz die Zeitschrift Krisis gegründet und mit ihr eine Marx-Rezeption entwickelt, die sich vom klassenkampforientierten Marxismus ab- und einer Kritik der Arbeit zuwendete. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Robert Kurz durch seine Monographien „Der Kollaps der Modernisierung“ und „Das Schwarzbuch Kapitalismus“ – innerhalb der Linken stand er seit einem Vierteljahrhundert für eine theoretische Position, die den Kapitalismus für einen Toten auf Urlaub hält und bei jedem neuen Einbruch der Konjunktur sein endgültiges Ableben prophezeit.

Ich stehe heute all dem, was ihn bekannt gemacht hat, kritisch bis gleichgültig gegenüber. Irgendwann um die Jahrtausendwende herum habe ich aufgehört, seine Veröffentlichungen zu kaufen und zu lesen. Und dennoch muss ich wohl sagen, dass ich heute nicht so denken würde, wie ich denke, wenn es Robert Kurz nicht gegeben hätte. In der Oberstufe machte mich mein Sozialkunde-Lehrer auf den „Kollaps“ aufmerksam. Ich war pseudorebellischer Möchtegern-Marxist (ohne die geringsten Marx-Kenntnisse), er war papsttreuer Katholik, und im Unterricht stritten wir uns fürchterlich – doch mit diesem Buch konnten wir beide etwas anfangen. Kurz‘ Versuch, aus dem Niedergang der realsozialistischen Staaten das bevorstehende Ende des Kapitalismus abzuleiten, faszinierte mich derart, dass ich begeisterter Leser der Zeitschrift Krisis wurde. Es sollte Jahre dauern, bis mir klarwurde, dass ich mir bei der Lektüre neben einer Menge profunden Wissens auch ein gerüttelt Maß an Irrtum und Ideologie aneignete.
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