Robert Kurz ist tot – eine Erinnerung

Robert Kurz, der Spiritus Rector der untergangsorientierten Wertkritik, ist tot. Er wurde 68 Jahre alt. Laut Spiegel Online starb er am Mittwoch an den Folgen einer Nierenoperation, in deren Verlauf die Ärzte versehentlich seine Bauchspeicheldrüse beschädigten. In den Achtzigerjahren hatte Kurz die Zeitschrift Krisis gegründet und mit ihr eine Marx-Rezeption entwickelt, die sich vom klassenkampforientierten Marxismus ab- und einer Kritik der Arbeit zuwendete. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Robert Kurz durch seine Monographien „Der Kollaps der Modernisierung“ und „Das Schwarzbuch Kapitalismus“ – innerhalb der Linken stand er seit einem Vierteljahrhundert für eine theoretische Position, die den Kapitalismus für einen Toten auf Urlaub hält und bei jedem neuen Einbruch der Konjunktur sein endgültiges Ableben prophezeit.

Ich stehe heute all dem, was ihn bekannt gemacht hat, kritisch bis gleichgültig gegenüber. Irgendwann um die Jahrtausendwende herum habe ich aufgehört, seine Veröffentlichungen zu kaufen und zu lesen. Und dennoch muss ich wohl sagen, dass ich heute nicht so denken würde, wie ich denke, wenn es Robert Kurz nicht gegeben hätte. In der Oberstufe machte mich mein Sozialkunde-Lehrer auf den „Kollaps“ aufmerksam. Ich war pseudorebellischer Möchtegern-Marxist (ohne die geringsten Marx-Kenntnisse), er war papsttreuer Katholik, und im Unterricht stritten wir uns fürchterlich – doch mit diesem Buch konnten wir beide etwas anfangen. Kurz‘ Versuch, aus dem Niedergang der realsozialistischen Staaten das bevorstehende Ende des Kapitalismus abzuleiten, faszinierte mich derart, dass ich begeisterter Leser der Zeitschrift Krisis wurde. Es sollte Jahre dauern, bis mir klarwurde, dass ich mir bei der Lektüre neben einer Menge profunden Wissens auch ein gerüttelt Maß an Irrtum und Ideologie aneignete.

Erst in der Auseinandersetzung zwischen der Krisis-Gruppe und der ISF, der Bahamas und dem Marxologen Michael Heinrich Ende der Neunzigerjahre begann meine Überzeugung zu bröckeln: Der Kern der Kurz’schen Theorie, die Reduktion der „abstrakten Arbeit“ auf den Produktionsprozess und die Betrachtung des Tausches als abgeleiteter Erscheinung, erschien mir immer weniger nachvollziehbar. Das Thema beschäftigte mich allerdings so stark, dass ich ihm meine Magisterarbeit widmete – und seitdem bin ich endgültig überzeugt, dass Kurz falsch lag. Dass ich inzwischen zu denjenigen gehörte, die Kurz von seinerseits als „antideutsche Bellizisten“ denunziert wurden, trug dazu nichts mehr bei: Das fiel schon in die Phase, in der ich mich von seinem Theorieansatz zugunsten des marx’schen Originals, zugunsten auch von Horkheimer und Adorno verabschiedet hatte.

Begegnet bin ich Robert Kurz nur ein einziges Mal. Meine Politgruppe in Göttingen lud Ende der Neunziger zwar regelmäßig Krisisautoren ein – doch waren wir, als wir noch Fans waren, zu unbedeutend, um den Meister selbst aufs Podium zu bekommen. Irgendwann um 2005 herum sprach er dann einmal in einem der größeren Hörsäle der Göttinger Universität über den baldigen Zusammenbruch des Kapitals, nannte den Boom in China eine Illusion, und lud danach zum Bietrinken ins Café Kreuzberg. Ich kam mit, wir kamen ins Gespräch, und bald stritten wir uns wie die Kesselflicker. Irgendwann bat er mich resigniert um eine Zigarette – zwar rauche er schon lange nicht mehr, aber mein Gerede würde er ohne Nikotin nicht aushalten. Irgendwie schaffte er es, diese grobe Unhöflichkeit sympathisch zu verpacken. Also rauchten wir miteinander, sprachen freundlich über Marx und die Welt, und als ich ging, hielt ich ihn theoretisch für einen Spinner, praktisch aber für einen überaus angenehmen Menschen.

Dieser Mensch ist jetzt tot, genauso wie der Theoretiker, von dessen Denken ich mich mit großen Mühen emanzipiert habe. Ihm und diesen Mühen, die er mir verursacht hat, habe ich viel zu verdanken. Ruhe in Frieden, Robert Kurz. Möge der Kapitalismus, der Dich überlebte, in der Weise abtreten, die Du erhofft hast.


5 Antworten auf „Robert Kurz ist tot – eine Erinnerung“


  1. 1 Holger Roloff 21. Juli 2012 um 20:52 Uhr

    Emanzipiert von der Wertkritik? Wow! Da würde mich interessieren, welche Argumente da greifen!?!

    Gerade Kurz hat seine Theorien nach dem Jahr 2000 eindrucksvoll untermauern können, besonders im Gegensatz zu Michael Heinrich.

    Auch andere Theoretiker wie Claus-Peter Ortlieb (s. z.B. „Ein Widerspruch aus Stoff und Form“) unterstützen die These des wertmäßigen Abschmelzens der abstrakten Arbeit.

    Mit Robert Kurz haben wir vielleicht den wertvollsten Denker unserer Zeit verloren.

  2. 2 Reiner Lenz 23. Juli 2012 um 9:48 Uhr

    Der Kern der Kurz’schen Theorie, die Reduktion der „abstrakten Arbeit“ auf den Produktionsprozess und die Betrachtung des Tausches als abgeleiteter Erscheinung, erschien mir immer weniger nachvollziehbar. ??????????????????
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    Ja warum eigentlich ? Was für eines Beweises der Kurzschen These bedarf es noch,wenn sich z.B. feststellen lässt, das in Spanien also eines im Weltmaßstab hoch entwickelten Landes, die Hälfte der jungen Generation ohne Arbeitseinkommen versuchen muss über die Runden zu kommen. In einem der reichsten Länder der Welt in Deutschland ist der Stundenlohn der Arbeitskraft bereits auf einem Euro herabgesunken und das nicht erst seit gestern. Ganz zu schweigen vom Millionenheer derjenigen die mit dem Verkauf Ihrer Arbeitskraft nicht einmal die nackte Existenz sichern können. Wohlgemerkt schreibe ich hier von Deutschland, wie aber sieht es erst im Rest der Welt aus. Die investiven vorrauskosten für einen industriearbeitsplatz in Europa liegen bei rund 300 000 Euro schreibt die OECD. Wobei erhoffte monetäre Gewinne aufgrund hochproduktiver Überproduktion, nicht realisiert werden können. Aus genau diesem Grund flüchtet seit Jahr und Tag Kapital von der Real-Produktion in Finanzblasen,
    freilich auch nur um dort entwertet zu werden, das muss man doch sehen !!!!!

    Es gibt mehr als einen empirisch gesicherten Beweis für die von Robert Kurz benannte These, von der Entwertung der abstrackten Arbeit. Man muss nur die Augen offen halten, das reicht vollkommen aus.
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    Dem Autor ging das Kurzsche Zusammenbruchsversprechen offenbar nicht schnell genug. Dabei hat Robert Kurz dieses doch niemals mit einem konkreten Datum versehen. Spätestens seit 2009 sollte eigentlich Jedem klar sein, daß die wöchentlich verkündeten Rettungsschirme nicht werden retten können, was nun einmal nicht zu retten ist. Die Kurzsche Zusammenbruchstheorie vollzieht sich vor unser aller Augen, aber Niemand scheint dies mitzubekommen.
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    Robert kurz ist tot. Der klügste Kopf unserer Zeit hat aufgehört zu denken, jammerschade. Leb wohl Robert, Du warst ein Quell der Inspiration und Erkenntniss für mich. Einen wie Dich, den gibt es nicht alle Tage. Ich werde Dich vermissen.

  3. 3 Administrator 23. Juli 2012 um 20:32 Uhr

    Ach Leute, ich leugne doch gar nicht, dass Robert Kurz ein kluger Kopf war. Ich leugne auch nicht, dass der Kapitalismus ein krisenhafter Zusammenhang ist, der auf lange Sicht betrachtet entweder an seinen eigenen Widersprüchen zugrundegehen oder die Ressourcen des Planeten verschlingen wird. Und ich leugne nicht einmal, dass es das Industriekapital immer schwerer haben wird, produktiv zu arbeiten, weil das kostenintensive konstante Kapital gegenüber dem variablen (sprich der Arbeitskraft) immer mehr ansteigt – dazu braucht es übrigens nicht einmal Kurz, dass hat schon Marx beschrieben.

    Der Nachweis, dass der Untergang unmittelbar bevorstünde, ist allerdings nicht zu halten – er basiert auf einem unscharfen Begriff von abstrakter und (darauf aufbauend) von produktiver Arbeit. Die Debatte um diese Frage füllt inzwischen ganze Regale, darum an dieser Stelle nur soviel: Die Verortung der abstrakten Arbeit in der Produktion ist falsch, weil die Abstraktion von der konkreten Tätigkeit im Tausch stattfindet – als Anerkennung des Produktes als Ware und damit als Anerkennung der für seine Herstellung verausgabten Arbeitskraft als wertbildend. Damit ist jedoch gesetzt, dass auch Dienstleistungen wertbildend sind, sofern sich jemand bereit findet, für sie zu bezahlen. Dass Putzleute schlechter bezahlt sind als Facharbeiter ist das Problem der Putzleute, nicht der Unternehmen, die mit deren Arbeit Geld verdienen.

    Kurz und seine Anhänger haben in den letzten 20 Jahren eine große Meisterschaft darin entwickelt, jede Krisenerscheinung als Indiz für ihre Theorie zu verkaufen (Indizien wären übrigens alles, was man finden könnte, der „Beiweis“ wäre erst der Kollaps selbst), während sie jeden Aufschwung als unwesentlich herausrechneten. Dennoch sind im selben Zeitraum in China und in Indien Mittelschichten entstanden, denoch hat sich dort ein Konsumkapitalismus entwickelt, der (allen schrecklichen Begleiterscheinungen zum Trotz) einen höchst realen Reichtum erwirtschaftet hat, an dem hunderte Millionen Menschen partizipieren.

    Klar, die Armut unter Chinas „Überflüssigen“ ist unbeschreiblich, doch die neuen Facharbeiter und Kleinunternehmer zwischen Hongkong und Shanghai stellen echte Produkte her und verdienen damit echtes Geld, für das sie echte Häuser und echte Autos bauen. Der Streit, den ich bei meiner Begegnung mit Robert Kurz hatte, drehte sich darum, dass er diesen Boom als reinen Schein bezeichnete, weil China nicht auf Weltmarktniveau produzieren könne – das mag sein, doch übersah er dabei, dass die geringeren Reproduktionskosten der Arbeit in China das Produktivitätsgefälle zu Europa und den USA locker wettmachen. Mit anderen Worten: Spanien und Griechenland mögen am Kollabieren sein; Indien und China sind deshalb es noch lange nicht.

    Zum Schluss noch ein Wort zu der Begeisterung, mit der die Kurzianer das Ende bisweilen herbeizusehnen scheinen: Der Untergang des Kapitalismus bedeutet, solange keine weltweite kommunistische Perspektive in Sicht ist, keineswegs einen Fortschritt der Zivilisation, sondern deren Untergang in der Barbarei. 1929 ff. waren es Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, die der Krise folgten – sollte die Kurz’sche Voraussage tatsächlich eintreffen, könnte dieses bis dato schrecklichste Kapitel der Weltgeschichte nur ein Vorgeschmack gewesen sein. Und genau deshalb muss der Kapitalismus auch abgeschafft werden, bevor die finale Krise der Menschheit zuvorkommt.

    In diesem Sinne
    Der kleine Weltkritiker

    P.S. @ Holger: Den Kurz als Denker ausgerechnet mit dem Attribut „wert“voll zu adeln, das ist schon ein bisschen gemein, gell? ;-)

  4. 4 auto fill 03. August 2012 um 18:56 Uhr

    Du sprachst in deinem Text von einer Auseinandersetzung zwischenkrisis und ISFsowie zwischen Bahamas und Michael Heinrich. Bei ersteren meinst du sicherlich das Büchlein der Isf“Der Theoretiker ist der Wert.Gibt es da von der Isf noch mehr? Und wo kann man den Streit zwischen bahamas und heinrich finden? Links zu den Artikeln waeren nett. Danke!

  5. 5 Administrator 08. August 2012 um 23:59 Uhr

    Hallo Fill,

    sorry für die späte Antwort. Zu einem Streit zwischen Bahamas und Heinrich fällt mir nichts Konkretes ein. Bahamas und Krisis haben sich gestritten mit den Texten „Wenn der Weltgeist dreimal klingelt“ (Bahamas Nr. 21) von Clemens Nachtmann bzw. „Hello Mr. Postman“ (Krisis Nr. 20) von Ernst Lohoff. Beides zu finden auf den jeweiligen Internetseiten.

    Liebe Grüße
    Der kleine Weltkritiker

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