Archiv für Januar 2013

Jim Knopf, der afrolummerländer ICE-Chef – oder: Zum Angriff der Sozialpädagogik auf die Kinderliteratur

Ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als ich meine ersten, leibhaftigen „Negerjungen“ kennenlernte: Ich ging damals nach der Schule immer zu meinen Großeltern, in deren Nachbarschaft die TU Braunschweig ausländische Gastdozenten beherbergte. Irgendwann zog dort ein schwarzer Wissenschaftler mit seiner Familie ein, zu der auch zwei Brüder in meinem Alter gehörten. Obwohl wir uns kaum verständigen konnten (sie sprachen nur ein paar Brocken Deutsch und ich kein bisschen ausländisch), freundeten wir uns schnell an, spielten Fußball oder kletterten auf Bäume im nahegelegenen Wald. Den Begriff „Negerjungen“ verwendete meine Großmutter, wenn sie über die beiden sprach; meistens in Sätzen wie: „Lad‘ doch mal die Negerjungen ein“ oder „Geh‘ doch mal mit den Negerjungen spielen“.

So sehr ich Oma geliebt habe, so muss ich Ihr aus der Rückschau doch einen gewissen Rassismus attestieren – allerdings keinen von der bösartigen Sorte: Nie hat sie versucht, mir die schwarzen Nachbarn madig zu machen; und auch wenn ich nicht da war, stand ihre Wohnung immer für sie offen. Nein, ihr Rassismus bestand in der unerschütterlichen Überzeugung, dass schwarze Familien stets in fürchterlicher Armut lebten und nicht in der Lage wären, sich und ihre Kinder anständig zu ernähren. Obwohl meine Spielkameraden pappsatt waren, wenn wir uns trafen (schließlich kamen sie immer gleich nach dem Mittagessen), hielt Oma ihre gefüllten Mägen offenbar für Hungerbäuche. Denn kaum betraten sie das Haus, fuhr sie ganze Tabletts mit Wurstbroten und Zuckerkuchen auf; und wenn sie gingen, bekamen sie die Taschen mit Schokoriegeln und Vitaminbonbons vollgestopft. Wäre die Familie länger als ein paar Monate geblieben, hätten die beiden heute vermutlich mit ausgeprägter Fettleibigkeit zu kämpfen.

Ich habe den seltsamen Fütterungswahn meiner Großmutter damals schlicht nicht verstanden. Natürlich kannte ich Bilder von der Hungersnot in Äthiopien; und wenn ich nicht aufessen wollte, ermahnte mich Oma, ich solle doch mal an „die armen Kinder in Afrika“ denken. Tatsächlich dachte ich dann voller Mitleid an hungernde Kinder, aber was das mit meinen schwarzen Freunden zu tun haben sollte, blieb mir ein Rätsel – denn die lagen ja nicht sterbenskrank in der Steppe herum, sondern tobten quicklebendig mit mir durch die Sandwüste (i.e. der Vorort von Braunschweig, in dem meine Großeltern lebten). Dass für meine Großmutter ein Zusammenhang bestand zwischen Hunger in Afrika und Hautfarbe in Deutschland, das wäre mir nie in den Sinn gekommen.
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