Archiv der Kategorie 'Sprache'

Jim Knopf, der afrolummerländer ICE-Chef – oder: Zum Angriff der Sozialpädagogik auf die Kinderliteratur

Ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als ich meine ersten, leibhaftigen „Negerjungen“ kennenlernte: Ich ging damals nach der Schule immer zu meinen Großeltern, in deren Nachbarschaft die TU Braunschweig ausländische Gastdozenten beherbergte. Irgendwann zog dort ein schwarzer Wissenschaftler mit seiner Familie ein, zu der auch zwei Brüder in meinem Alter gehörten. Obwohl wir uns kaum verständigen konnten (sie sprachen nur ein paar Brocken Deutsch und ich kein bisschen ausländisch), freundeten wir uns schnell an, spielten Fußball oder kletterten auf Bäume im nahegelegenen Wald. Den Begriff „Negerjungen“ verwendete meine Großmutter, wenn sie über die beiden sprach; meistens in Sätzen wie: „Lad‘ doch mal die Negerjungen ein“ oder „Geh‘ doch mal mit den Negerjungen spielen“.

So sehr ich Oma geliebt habe, so muss ich Ihr aus der Rückschau doch einen gewissen Rassismus attestieren – allerdings keinen von der bösartigen Sorte: Nie hat sie versucht, mir die schwarzen Nachbarn madig zu machen; und auch wenn ich nicht da war, stand ihre Wohnung immer für sie offen. Nein, ihr Rassismus bestand in der unerschütterlichen Überzeugung, dass schwarze Familien stets in fürchterlicher Armut lebten und nicht in der Lage wären, sich und ihre Kinder anständig zu ernähren. Obwohl meine Spielkameraden pappsatt waren, wenn wir uns trafen (schließlich kamen sie immer gleich nach dem Mittagessen), hielt Oma ihre gefüllten Mägen offenbar für Hungerbäuche. Denn kaum betraten sie das Haus, fuhr sie ganze Tabletts mit Wurstbroten und Zuckerkuchen auf; und wenn sie gingen, bekamen sie die Taschen mit Schokoriegeln und Vitaminbonbons vollgestopft. Wäre die Familie länger als ein paar Monate geblieben, hätten die beiden heute vermutlich mit ausgeprägter Fettleibigkeit zu kämpfen.

Ich habe den seltsamen Fütterungswahn meiner Großmutter damals schlicht nicht verstanden. Natürlich kannte ich Bilder von der Hungersnot in Äthiopien; und wenn ich nicht aufessen wollte, ermahnte mich Oma, ich solle doch mal an „die armen Kinder in Afrika“ denken. Tatsächlich dachte ich dann voller Mitleid an hungernde Kinder, aber was das mit meinen schwarzen Freunden zu tun haben sollte, blieb mir ein Rätsel – denn die lagen ja nicht sterbenskrank in der Steppe herum, sondern tobten quicklebendig mit mir durch die Sandwüste (i.e. der Vorort von Braunschweig, in dem meine Großeltern lebten). Dass für meine Großmutter ein Zusammenhang bestand zwischen Hunger in Afrika und Hautfarbe in Deutschland, das wäre mir nie in den Sinn gekommen.
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„Behinderte“ vs. „Menschen mit Behinderung“ – oder: Diskriminierung als Kollateralschaden politisch korrekter Sprache

Politisch korrekte Sprache ist vom Klang und vom Schriftbild her meistens eine Zumutung, aber wenn sie tatsächlich dazu führte, Diskrimierung in der Gesellschaft abzubauen – man hätte das wohl in Kauf zu nehmen. Dieser Nutzen allerdings ist in vielen Fällen fragwürdig, und am Beispiel der inzwischen durchgesetzten Bezeichnung „Menschen mit Behinderungen“ lässt sich zeigen, dass derartige Sprachregelungen sogar schaden können. Eingeführt wurde sie, weil die herkömmliche Bezeichnung „Behinderte“ die Bezeichneten sprachlich auf ihr Gebrechen reduziere; die politisch korrekte Variante betone dagegen, dass es sich bei ihnen um Menschen handele, die neben einer Vielzahl anderer Eigenschaften eben auch eine Behinderung aufwiesen.

Rein formal lässt sich dieses Argument schnell als pseudowissenschaftlich abtun. Es ist schließlich alltägliche Praxis und hat nicht das Geringste mit Diskriminierung zu tun, eine vielseitige Person in einem bestimmten Kontext auf eine einzige Eigenschaft zu reduzieren, indem man sie mit dieser Eigenschaft bezeichnet – jeder weiß, dass „der Kunde“ außerhalb des Bäckers auch Angestellter, Vater oder Hallenhalma-Weltmeister sein kann; oder dass „die Brillenträgerin“ nur dem Wort nach nichts anderes tut, als eine Brille zu tragen, nebenbei aber vielleicht noch einen Konzern leitet. Im Zusammenhang mit ihrem Beruf würde man sie entsprechend als „die Vorstandsvorsitzende“ bezeichnen. Dies extra zu betonen, indem man aus ihr einen im Vorstand arbeitenden „Menschen mit Sehschwäche“ machte, wäre für alle Welt als gespreizter Unsinn zu erkennen – warum sollte das bei „Menschen mit Behinderungen“ also anders sein?
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Denglisch auf dem Vormarsch! So what? – Warum es der deutschen Sprache gut geht und ihre Verteidiger gefährlich sind, Teil 1

Ein Dank vorab: Viele der hier vertretenen Argumente zum Thema „Denglisch“ und zur Kritik an den Sprachhygienikern habe ich im Bremer Sprachblog von Anatol Stefanowitsch gefunden. Die Lektüre dieses Blogs und seines Nachfolgers, des Sprachlogs, kann ich allen Interessierten nur wärmstens empfehlen. Sie lohnt sich – für den Erkenntnisgewinn wie zur Unterhaltung.

Ein Disclaimer vorab: Über Jahre ging ich meinen Freunden damit auf den Geist, sie zu korrigieren, wenn sie bei Erzählungen aus ihrem Uni- oder Arbeitssalltag mit englischen Vokabeln um sich warfen. Das müsse doch auch auf Deutsch gehen, und so weiter – Sie verstehen schon. Wenn ich daraufhin den Vorwurf erntete, ich machte mich mit deutschtümelnden Sprachfanatikern gemein, die englische Musik im Radio verbieten wollten, dann hielt ich das natürlich für ungerecht, war aber bereit, es um der Sache willen zu schlucken. Mit den Fanatikern teilte ich ja immerhin die Meinung, es gäbe eine Inflation englischer Wörter im deutschen Sprachgebrauch, und das Deutsche nähme dadurch Schaden. Das war ein Irrtum: Die Sprache wird zwar von Bürokraten auf der einen Seite so gequält, wie sie von Politikern und Werbefuzzis auf der anderen gegeißelt wird; zwar ist es um die Sprachkompetenz des Durchschnittssprechers schlimm bestellt, und auch die Profis in den Medien schmeißen mit Stilblüten und grammatischen Schludereien um sich, dass es eine Art hat – all das bedroht aber nicht die deutsche Sprache als Ganzes; vor allem ist sie nicht durch fremdsprachliche Einflüsse gefährdet. Die selbsternannten Sprachschützer jedoch, die sind wirklich eine Gefahr; und der Anklang, den sie finden, ist Ausdruck von Schlimmerem. Was ich damit meine, versuche ich im Folgenden zu argumentieren.
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