Weltkritik http://weltkritik.blogsport.de Alles, nur keine Befindlichkeiten Fri, 25 Jan 2013 22:18:51 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Jim Knopf, der afrolummerländer ICE-Chef – oder: Zum Angriff der Sozialpädagogik auf die Kinderliteratur http://weltkritik.blogsport.de/2013/01/25/lummerlaendische-ice-chef-zum-angriff-der-sozialpaedagogik-auf-die-kinderliteratur/ http://weltkritik.blogsport.de/2013/01/25/lummerlaendische-ice-chef-zum-angriff-der-sozialpaedagogik-auf-die-kinderliteratur/#comments Fri, 25 Jan 2013 19:00:47 +0000 Administrator Kritik & Theorie Sprache http://weltkritik.blogsport.de/2013/01/25/lummerlaendische-ice-chef-zum-angriff-der-sozialpaedagogik-auf-die-kinderliteratur/ Ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als ich meine ersten, leibhaftigen „Negerjungen“ kennenlernte: Ich ging damals nach der Schule immer zu meinen Großeltern, in deren Nachbarschaft die TU Braunschweig ausländische Gastdozenten beherbergte. Irgendwann zog dort ein schwarzer Wissenschaftler mit seiner Familie ein, zu der auch zwei Brüder in meinem Alter gehörten. Obwohl wir uns kaum verständigen konnten (sie sprachen nur ein paar Brocken Deutsch und ich kein bisschen ausländisch), freundeten wir uns schnell an, spielten Fußball oder kletterten auf Bäume im nahegelegenen Wald. Den Begriff „Negerjungen“ verwendete meine Großmutter, wenn sie über die beiden sprach; meistens in Sätzen wie: „Lad‘ doch mal die Negerjungen ein“ oder „Geh‘ doch mal mit den Negerjungen spielen“.

So sehr ich Oma geliebt habe, so muss ich Ihr aus der Rückschau doch einen gewissen Rassismus attestieren – allerdings keinen von der bösartigen Sorte: Nie hat sie versucht, mir die schwarzen Nachbarn madig zu machen; und auch wenn ich nicht da war, stand ihre Wohnung immer für sie offen. Nein, ihr Rassismus bestand in der unerschütterlichen Überzeugung, dass schwarze Familien stets in fürchterlicher Armut lebten und nicht in der Lage wären, sich und ihre Kinder anständig zu ernähren. Obwohl meine Spielkameraden pappsatt waren, wenn wir uns trafen (schließlich kamen sie immer gleich nach dem Mittagessen), hielt Oma ihre gefüllten Mägen offenbar für Hungerbäuche. Denn kaum betraten sie das Haus, fuhr sie ganze Tabletts mit Wurstbroten und Zuckerkuchen auf; und wenn sie gingen, bekamen sie die Taschen mit Schokoriegeln und Vitaminbonbons vollgestopft. Wäre die Familie länger als ein paar Monate geblieben, hätten die beiden heute vermutlich mit ausgeprägter Fettleibigkeit zu kämpfen.

Ich habe den seltsamen Fütterungswahn meiner Großmutter damals schlicht nicht verstanden. Natürlich kannte ich Bilder von der Hungersnot in Äthiopien; und wenn ich nicht aufessen wollte, ermahnte mich Oma, ich solle doch mal an „die armen Kinder in Afrika“ denken. Tatsächlich dachte ich dann voller Mitleid an hungernde Kinder, aber was das mit meinen schwarzen Freunden zu tun haben sollte, blieb mir ein Rätsel – denn die lagen ja nicht sterbenskrank in der Steppe herum, sondern tobten quicklebendig mit mir durch die Sandwüste (i.e. der Vorort von Braunschweig, in dem meine Großeltern lebten). Dass für meine Großmutter ein Zusammenhang bestand zwischen Hunger in Afrika und Hautfarbe in Deutschland, das wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Vom „Negerkönig“ zum „Südseekönig“

Ich erzähle diese Anekdote nicht aus nostalgischen Gründen, sondern um sie für eine aktuelle Debatte fruchtbar zu machen – es geht um den laufenden Angriff einer wohlmeinenden Sozialpädagogik auf die (zeit-)historische Kinderliteratur: Von Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ über Ottfried Preußlers „Kleine Hexe“ bis zu Michael Endes „Jim Knopf“ werden derzeit die Kinderbuchklassiker nach Stellen durchforstet, die bei den Leserinnen und Lesern diskriminierendes Gedankengut fördern könnten. Folglich ist Pippis Vater kein „Negerkönig“ mehr, sondern ein „Südseekönig“; die Kinder im Umfeld der kleinen Hexe verkleiden sich an Fasching nicht mehr als „Negerlein“, sondern irgendwie anders; und Jim Knopf soll von den Lummerländern nicht mehr als „kleiner Neger“ aus dem Paket der „Wilden 13″ gezogen werden, sondern als „Baby mit schwarzer Haut“. Die Verlage, die für derartige Eingriffe verantwortlich sind, führen dafür zwei Argumente an: Erstens sei das Wort „Neger“ noch nicht diskriminierend gewesen, als die Bücher erschienen; zweitens sei es das heute geworden und müsse deshalb aus Kinderbüchern getilgt werden. Beide Argumente halte ich für falsch.

Selbstverständlich war der Begriff „Neger“ auch schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren rassistisch konnotiert: Über den offensichtlichen Bezug auf schwarze Haut hinaus schwang (und schwingt) in dem Begriff immer der Wilde mit, der sich nur durch gestrenge Zucht und dauernde Aufsicht zum „echten“ Menschen machen ließe. Auch meine Großmutter, die aus einer antifaschistischen Arbeiterfamilie stammte, hat sich einen „Neger“ nie als bürgerliches Subjekt vorgestellt, sondern immer nur als Objekt des Mitleids und der Erziehung durch Weiße. Die Kinder aus der Nachbarschaft musste sie deshalb für bettelarm und hungrig halten – dabei ist es durchaus möglich, dass ihr Vater ein MIT-Professor war, der in einem Monat mehr verdiente als mein Großvater im ganzen Jahr.

Andererseits ist weniger das Wort „Neger“ das Problem, als die darunter gefassten Vorstellungen – zumindest solange es Kinder betrifft, die, wie ich als Sechsjähriger, mit den Vorurteilen der Erwachsenen noch nicht vertraut sind. Wenn ein Kinderbuch die oben genannten Ressentiments transportiert, dann wird es das auch tun, nachdem man das Wort an sich getilgt hat: Die Eingeborenen bei Pippi Langstrumpf bleiben infantile Figuren, die einen Weißen brauchen, um ihr Leben auf die Reihe zu bekommen – ganz gleich, ob Pippis Vater nun unter „Neger-“ oder unter „Südseekönig“ firmiert. Hier wäre ein Anhang oder zumindest eine lange Fußnote sicher geeigneter, um das Buch zu retten, als Wortkosmetik. Jim Knopf hingegen war, „kleiner Neger“ hin oder her, immer schon ein veritabler Held, dessen Charakterzeichnung keines der Klischees beinhaltet, die mit dem N-Wort verbunden sind: Ein Junge mit eigener Lokomotive, der einen Drachen besiegt, versklavte Kinder befreit und eine Piratenbande zivilisiert, bis er eine chinesische Prinzessin heiratet und König wird. Hier schiene mir höchstens, wenn überhaupt, eine ganz kleine Fußnote angebracht.

Die Kinderliteratur im Banne der Volkspädagogik

Doch derlei Einwände helfen nicht: Kinderbuchklassiker verkommen mehr und mehr zur Baustelle der Volkspädagogik, statt als Kunstwerke sui generis geachtet zu werden. Über die vielen „Negerlein“ könnte man noch diskutieren – schließlich handelt es sich tatsächlich um einen diskriminierenden Begriff –, aber wenn man sich auf das Pädagogik-Argument einmal einlässt, wird es schwerfallen, wieder aufzuhören. Gibt es nicht noch viele andere Wörter, die heute diskriminierend oder auch nur missverständlich sind? Viele andere Stellen also, die man auch noch säubern sollte? Tatsächlich haben die Herausgeber aus der Neuauflage der „Kleinen Hexe“ ja nicht nur die „Negerlein“ entfernt, sondern auch das „Wichsen“. Offiziell, weil es veraltet sei; in Wahrheit natürlich, weil sie selbst beim Lesen rote Ohren bekamen. Denn die noch weit von pubertärer Albernheit entfernte Zielgruppe kann dem Kontext unschwer entnehmen, dass es sich hierbei um ein Synonym für „Prügeln“ handelt – und lernt darüber hinaus schon mal ein Wort kennen, dass sie fünf Jahre später in anderem Kontext gut gebrauchen kann.

Wer einen Klassiker nachträglich auf einen zeitgemäßen Wertekanon zurechtstutzen will, verhält sich wie die Tugendwächter, die nackten Frauen auf Gemälden die Brüste übermalen wollen. Die Motive mögen anders und im Einzelfall auch durchaus ehrbar sein, doch die Haltung gegenüber der Kunst bleibt dieselbe: Sie habe sich der Moral anzupassen und den Zwecken der Volkserziehung zu dienen. Käme jemand auf die Idee, in vergleichbarer Weise mit Büchern für Erwachsene zu verfahren, bliebe von der Weltliteratur nicht mehr viel übrig. Shakespeares „Shylock“ dürfte kein jüdischer Wucherer mehr sein; Schillers „Mohr von Tunis“ wäre niemals sprichwörtlich geworden (denn „Der Genueser mit nordafrikanischem Migrationshintergrund hat seine Schuldigkeit getan, der Genueser mit nordafrikanischem Migrationshintergrund kann gehen“ taugt einfach nicht); und die Essais von Montaigne müssten zu guten Teilen geschwärzt werden – der Begründer des Humanismus litt nämlich zeitlebens an einem schweren Fall von historischem Kontext („Morbus Feudalzeitalter“), weshalb er als Menschen im engeren Sinne nur klassisch gebildete, männliche Angehörige des französischen Hochadels gelten ließ. Vorausgesetzt, sie standen im laufenden Erbfolgekrieg auf der richtigen Seite, versteht sich.

Die Ressentiments der Erwachsenen

Natürlich käme niemand auf die Idee, sich an Montaigne zu vergreifen. Der erwachsenen Leserschaft wird zugetraut, solche Äußerungen zu reflektieren. Kindern jedoch traut man das nicht zu, obwohl sie meist weniger Vorurteile mit sich herumschleppen als ihre Eltern. In Wahrheit haben Kinder in der Regel ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und können sich fürchterlich aufregen, wenn jemandem Unrecht widerfährt. Helden wie Jim Knopf gelten ihnen als erstklassige Identifikationsobjekte, deren Hautfarbe schlicht egal wird, sobald sie sich in sie hineinversetzen. Die Kinderbuchverlage wissen das, und dennoch scheinen sie ihre Klientel für dumm zu halten – als würde sie die Ressentiments der Großen einfach deshalb übernehmen, weil sie irgendwo mal das Wort „Neger“ gelesen hätte, und nicht etwa, weil sie ihr immer noch (nur auf subtilere Art und Weise) von eben jenen Großen vermittelt wird, die das N-Wort heutzutage niemals nicht mehr aussprechen würden.

Letztlich scheint mir der Trend zur Kinderbuch-Zensur Teil jener Entmündigung des Einzelnen zu sein, der sich auch an der Anti-Tabak-Hysterie und den Kampagnen für gesunde Ernährung ablesen lässt: Sowenig man es den Leuten noch überlassen will, selbst auf ihre Gesundheit zu achten, sowenig traut man den Kindern zu, sich selbst ein Urteil über eine Geschichte zu bilden. Nicht einmal den Eltern wird noch zugetraut, ihrem Nachwuchs keine rassistischen Bücher zu kaufen. Dabei sind alle in diesem Text erwähnten Werke auch Vorlesebücher, und die Eltern haben durchaus die Möglichkeit, erläuternd einzugreifen. Diese Entscheidung soll ihnen aber abgenommen werden – bevor jemand auf die Idee kommt, aus dem N-Wort falsche Schlüsse zu ziehen, soll er es lieber überhaupt nicht zu Gesicht bekommen, indem man ihm zensierte Bücher vorlegt. Das ist als Antirassismus verbrämte Freiheitsberaubung.

Anzeige in eigener Sache

Andererseits bin ich gerade arbeitslos geworden und brauche das Geld. Solange die Kasse stimmt, wäre ich also um weitere „Modernisierungsvorschläge“ nicht verlegen. Als Teaser nehmen wir Jim Knopf: Dessen Ziehvater, der Lokomotivführer Lukas, ist unserem afrolummerländer Pre-Teen kein gutes Vorbild. Lässt ihn auf einer stinkenden Dampflok arbeiten (Anachronismus! Feinstaub!), raucht ihm die ganze Zeit was mit der Pfeife vor und so – täte mich nicht wundern, wenn der Junge zu einem Nikotin-Junkie mit Pseudokrupp heranwüchse! Machen wir also besser einen ICE-Chef aus Lukas und einen Schaffner aus Jim; dort darf wenigstens nicht geraucht werden, und die Leser von heute wissen, was für ein Zug gemeint ist. Und was die „Kleine Hexe“ angeht: Wird damit nicht ein schrecklicher Aberglaube am Leben erhalten, dem unschuldige Frauen zu tausenden geopfert wurden? Wäre es nicht korrekter, das Buch hieße „Die junge Alternativmedizinerin“? Liebe Verlage, wenn Sie nicht mehr weiterwissen, fragen sie ruhig – der Idiotie sind keine Grenzen gesetzt!

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Robert Kurz ist tot – eine Erinnerung http://weltkritik.blogsport.de/2012/07/20/robert-kurz-ist-tot-eine-erinnerung/ http://weltkritik.blogsport.de/2012/07/20/robert-kurz-ist-tot-eine-erinnerung/#comments Fri, 20 Jul 2012 18:50:53 +0000 Administrator Allgemein http://weltkritik.blogsport.de/2012/07/20/robert-kurz-ist-tot-eine-erinnerung/ Robert Kurz, der Spiritus Rector der untergangsorientierten Wertkritik, ist tot. Er wurde 68 Jahre alt. Laut Spiegel Online starb er am Mittwoch an den Folgen einer Nierenoperation, in deren Verlauf die Ärzte versehentlich seine Bauchspeicheldrüse beschädigten. In den Achtzigerjahren hatte Kurz die Zeitschrift Krisis gegründet und mit ihr eine Marx-Rezeption entwickelt, die sich vom klassenkampforientierten Marxismus ab- und einer Kritik der Arbeit zuwendete. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Robert Kurz durch seine Monographien „Der Kollaps der Modernisierung“ und „Das Schwarzbuch Kapitalismus“ – innerhalb der Linken stand er seit einem Vierteljahrhundert für eine theoretische Position, die den Kapitalismus für einen Toten auf Urlaub hält und bei jedem neuen Einbruch der Konjunktur sein endgültiges Ableben prophezeit.

Ich stehe heute all dem, was ihn bekannt gemacht hat, kritisch bis gleichgültig gegenüber. Irgendwann um die Jahrtausendwende herum habe ich aufgehört, seine Veröffentlichungen zu kaufen und zu lesen. Und dennoch muss ich wohl sagen, dass ich heute nicht so denken würde, wie ich denke, wenn es Robert Kurz nicht gegeben hätte. In der Oberstufe machte mich mein Sozialkunde-Lehrer auf den „Kollaps“ aufmerksam. Ich war pseudorebellischer Möchtegern-Marxist (ohne die geringsten Marx-Kenntnisse), er war papsttreuer Katholik, und im Unterricht stritten wir uns fürchterlich – doch mit diesem Buch konnten wir beide etwas anfangen. Kurz‘ Versuch, aus dem Niedergang der realsozialistischen Staaten das bevorstehende Ende des Kapitalismus abzuleiten, faszinierte mich derart, dass ich begeisterter Leser der Zeitschrift Krisis wurde. Es sollte Jahre dauern, bis mir klarwurde, dass ich mir bei der Lektüre neben einer Menge profunden Wissens auch ein gerüttelt Maß an Irrtum und Ideologie aneignete.

Erst in der Auseinandersetzung zwischen der Krisis-Gruppe und der ISF, der Bahamas und dem Marxologen Michael Heinrich Ende der Neunzigerjahre begann meine Überzeugung zu bröckeln: Der Kern der Kurz’schen Theorie, die Reduktion der „abstrakten Arbeit“ auf den Produktionsprozess und die Betrachtung des Tausches als abgeleiteter Erscheinung, erschien mir immer weniger nachvollziehbar. Das Thema beschäftigte mich allerdings so stark, dass ich ihm meine Magisterarbeit widmete – und seitdem bin ich endgültig überzeugt, dass Kurz falsch lag. Dass ich inzwischen zu denjenigen gehörte, die Kurz von seinerseits als „antideutsche Bellizisten“ denunziert wurden, trug dazu nichts mehr bei: Das fiel schon in die Phase, in der ich mich von seinem Theorieansatz zugunsten des marx’schen Originals, zugunsten auch von Horkheimer und Adorno verabschiedet hatte.

Begegnet bin ich Robert Kurz nur ein einziges Mal. Meine Politgruppe in Göttingen lud Ende der Neunziger zwar regelmäßig Krisisautoren ein – doch waren wir, als wir noch Fans waren, zu unbedeutend, um den Meister selbst aufs Podium zu bekommen. Irgendwann um 2005 herum sprach er dann einmal in einem der größeren Hörsäle der Göttinger Universität über den baldigen Zusammenbruch des Kapitals, nannte den Boom in China eine Illusion, und lud danach zum Bietrinken ins Café Kreuzberg. Ich kam mit, wir kamen ins Gespräch, und bald stritten wir uns wie die Kesselflicker. Irgendwann bat er mich resigniert um eine Zigarette – zwar rauche er schon lange nicht mehr, aber mein Gerede würde er ohne Nikotin nicht aushalten. Irgendwie schaffte er es, diese grobe Unhöflichkeit sympathisch zu verpacken. Also rauchten wir miteinander, sprachen freundlich über Marx und die Welt, und als ich ging, hielt ich ihn theoretisch für einen Spinner, praktisch aber für einen überaus angenehmen Menschen.

Dieser Mensch ist jetzt tot, genauso wie der Theoretiker, von dessen Denken ich mich mit großen Mühen emanzipiert habe. Ihm und diesen Mühen, die er mir verursacht hat, habe ich viel zu verdanken. Ruhe in Frieden, Robert Kurz. Möge der Kapitalismus, der Dich überlebte, in der Weise abtreten, die Du erhofft hast.

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„Behinderte“ vs. „Menschen mit Behinderung“ – oder: Diskriminierung als Kollateralschaden politisch korrekter Sprache http://weltkritik.blogsport.de/2012/02/20/behinderte-vs-menschen-mit-behinderung-oder-diskriminierung-als-kollateralschaden-politisch-korrekter-sprache/ http://weltkritik.blogsport.de/2012/02/20/behinderte-vs-menschen-mit-behinderung-oder-diskriminierung-als-kollateralschaden-politisch-korrekter-sprache/#comments Mon, 20 Feb 2012 19:01:58 +0000 Administrator Kritik & Theorie Sprache http://weltkritik.blogsport.de/2012/02/20/behinderte-vs-menschen-mit-behinderung-oder-diskriminierung-als-kollateralschaden-politisch-korrekter-sprache/ Politisch korrekte Sprache ist vom Klang und vom Schriftbild her meistens eine Zumutung, aber wenn sie tatsächlich dazu führte, Diskrimierung in der Gesellschaft abzubauen – man hätte das wohl in Kauf zu nehmen. Dieser Nutzen allerdings ist in vielen Fällen fragwürdig, und am Beispiel der inzwischen durchgesetzten Bezeichnung „Menschen mit Behinderungen“ lässt sich zeigen, dass derartige Sprachregelungen sogar schaden können. Eingeführt wurde sie, weil die herkömmliche Bezeichnung „Behinderte“ die Bezeichneten sprachlich auf ihr Gebrechen reduziere; die politisch korrekte Variante betone dagegen, dass es sich bei ihnen um Menschen handele, die neben einer Vielzahl anderer Eigenschaften eben auch eine Behinderung aufwiesen.

Rein formal lässt sich dieses Argument schnell als pseudowissenschaftlich abtun. Es ist schließlich alltägliche Praxis und hat nicht das Geringste mit Diskriminierung zu tun, eine vielseitige Person in einem bestimmten Kontext auf eine einzige Eigenschaft zu reduzieren, indem man sie mit dieser Eigenschaft bezeichnet – jeder weiß, dass „der Kunde“ außerhalb des Bäckers auch Angestellter, Vater oder Hallenhalma-Weltmeister sein kann; oder dass „die Brillenträgerin“ nur dem Wort nach nichts anderes tut, als eine Brille zu tragen, nebenbei aber vielleicht noch einen Konzern leitet. Im Zusammenhang mit ihrem Beruf würde man sie entsprechend als „die Vorstandsvorsitzende“ bezeichnen. Dies extra zu betonen, indem man aus ihr einen im Vorstand arbeitenden „Menschen mit Sehschwäche“ machte, wäre für alle Welt als gespreizter Unsinn zu erkennen – warum sollte das bei „Menschen mit Behinderungen“ also anders sein?

„Behinderter“ als diskriminierender Begriff

Doch ganz so einfach darf man sich die Kritik der political correctness nicht machen, denn wenn man neben der sprachlich-formalen Ebene auch die inhaltliche mit einbezieht, sieht die Sache anders aus: Die Bezeichnung „Behinderter“ prägt auf ganz andere Weise das Bild einer Person als die Bezeichnung „Brillenträger“ – während letztere eine reine Äußerlichkeit betrifft, ein modisches Accessoire, notwendig wegen einer alltäglichen, weit verbreiteten Sehschwäche, so scheint erstere das Innerste der Persönlichkeit zu treffen. Das Alltagsbewusstsein verbindet mit Behinderten stets hilfsbedürftige, unselbständige und kranke Menschen, die ihres Schicksals wegen zu bedauern, als bürgerliche Subjekte aber nicht so recht ernstzunehmen seien.

Ein Behinderter mag durchaus eine glückliche Ehe führen, in seiner Freizeit Rollstuhlbasketball spielen und beruflich als Konzertpianist Erfolge feiern – man wird ihn zuförderst als „Behinderten“ sehen, und noch der letzte Musikbanause wird sich zu dem gönnerhaften Urteil berechtigt fühlen, für „einen wie ihn“ habe er es am Klavier ja weit gebracht. Wie ein echter Musiker, ist der Subtext, der ein solches Lob zu einer Ohrfeige macht. Anders gesagt: Der Begriff „Behinderter“ liefert die Bezeichneten den Vorurteilen der Gesellschaft aus; und wenn eine neue Sprachregelung daran etwas änderte, könnte man sie nur unterstützen.

Dass eine Umschreibung wie „Menschen mit Behinderungen“ dies tatsächlich bewirkt, steht allerdings in Frage. Denn erstens beruht sie auf dem Irrglauben, die Probleme der Welt rührten von schlechten Begriffen her und ließen sich überwinden, indem man bessere an ihre Stelle setzte. Und zweitens wäre „Menschen mit Behinderungen“ selbst, wenn das stimmte, so ziemlich das Gegenteil eines besseren Begriffs – er will nämlich einfach nicht das zum Ausdruck bringen, was er eigentlich sagen soll, sondern wirkt paradox. Aber der Reihe nach:

Von Sein und Bewusstsein

Über Jahrhunderte etablierte Diskriminierungen sollen sich aus der Welt schaffen lassen, indem man diskriminierende Begriffe durch neutrale ersetzt – das ist die Hoffnung, auf denen die political correctness basiert. Doch ist es, sagt bekanntlich Marx, nicht das Bewusstsein, welches das Sein bestimmt; zumindest unter den Bedingungen von Staat und Kapital bestimmt vielmehr das Sein das Bewusstsein. Und auch die Sprache gehört, als wichtigstes Kommunikationsmittel, in die Sphäre des gesellschaftlichen Seins: Sie hat objektiven Charakter und ist geprägt von den Prozessen einer Gesellschaft, deren Entwicklung dem bewussten Zugriff der Subjekte weitgehend entzogen ist.

Die Bedeutung, die ein Begriff annimmt, wird deshalb sowenig von Individuen oder Gruppen bestimmt, wie sie auf den ursprünglichen Sinn eines Wortes beschränkt bliebe. Sie ist geprägt vom gesellschaftlichen Kontext, in dem der Begriff steht, und im Laufe der Zeit starken Veränderungen unterworfen: „Computer“ etwa war früher die Berufsbezeichnung für (meist weibliche) Angestellte, die in Großraumbüros saßen und arbeitsteilig Berechnungen anstellten. Als Bezeichnung für elektronische Datenverarbeitungsmaschinen setzte sich der Begriff erst durch, als diese ihren Siegeszug antraten und die „Berechnerinnen“ in den Büros ersetzten.

Von „Negern“ und „Schwarzen“

Das Wort „Neger“ meint etymologisch nichts anderes als „Person mit schwarzer Hautfarbe“ – semantisch ist es jedoch angesichts seiner historischen Genese nicht zu trennen von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus. Ein ursprünglich „unschuldiges“ Wort, vom Ursprung her eng verwandt mit der unverdächtigen Bezeichnung „Schwarzer“, ist heute derart von Diskriminierung und Unterdrückung geprägt, dass niemand es mehr unschuldig gebrauchen kann. Hätte sich allerdings statt seiner das Wort „Schwarzer“ schon während der Kolonialzeit durchgesetzt, dann wäre heute dies das verbrannte Wort, und die politisch korrekte Bezeichnung für Leute mit dunkler Haut müsste anders heißen.

Wenn es aber der gesellschaftliche Kontext ist, der einem Begriff seine diskriminierende Bedeutung verleiht, dann heißt das im Umkehrschluss nichts Gutes für die Möglichkeiten wohlmeinender Umbennungen: Wörter und Begriffe sind nicht dasselbe; Wörter sind, grob gesagt, Namen für Begriffe, deren Gehalt von diesem Namen zunächst einmal unabhängig ist. Sowenig sich also die Bedeutung des Begriffs „Stuhl“ ändert, wenn ich ihn mit dem englischen Wort „chair“ bezeichne, sowenig verschwindet der diskriminierende Gehalt des Begriffs „Neger“, wenn ich an seiner Statt das Wort „Schwarzer“ einführe – was inzwischen bekanntlich selbst die NPD übernommen hat, ohne dass dies an ihrem Rassismus das Mindeste geändert hätte.

Übertragen auf unser Thema heißt das: Die Phrase „Menschen mit Behinderungen“ schleppt als neuer Name für „Behinderte“ sämtliche diskriminierenden Konnotationen mit sich, die schon dem alten Begriff innewohnen. Wenn sich der Mainstream unter „Behinderten“ keine handelnden Subjekte vorstellen kann, wird er auch bei „Menschen mit Behinderungen“ nicht an gleichberechtigte Bürger denken, sondern an Objekte des Mitleids, der Fürsorge und der Verwaltung. Wenn dieser Mainstream andererseits einmal so weit wäre, dass er nicht nur einen Rollstuhlfahrer als Minister akzeptierte, sondern auch geistig Behinderte als Klassenkameraden seiner Kinder; wenn die Personalchefin einen Spastiker nicht mehr der Quote wegen einstellte, sondern wegen seiner Fähigkeiten; und wenn Opernfans Andrea Bocelli als überbezahlten Kitschbarden entlarvten, weil sie endlich auf seinen Gesang hörten, statt ihn seiner Blindheit wegen zu feiern – dann könnte man das Wort „Behinderte“ auch getrost beibehalten. Der Wandel der Gesellschaft hätte ihm seinen diskriminierenden Charakter genommen.

Erziehung durch Sprache?

Namen sprechen dennoch einiges darüber aus, was unter einem Begriff gefasst wird. So ist mit der Bezeichnung „Einwanderer“ oder „Migranten“ zunächst einmal die gleiche Personengruppe gemeint, die vor vierzig Jahren unter dem Namen „Gastarbeiter“ ins Land kam – während jedoch in der alten Bezeichnung die Erwartung mitschwang, die Leute würden bald wieder in ihr Herkunftsland verschwinden, drückt die neue aus, dass sie Teil der Gesellschaft geworden sind und hierbleiben werden. Heute können viele Einwanderer die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben; damals wäre das undenkbar gewesen. Der neue Name geht in diesem Beispiel also sehr wohl mit einer neuen Realität für die Betroffenen einher.

Nur wäre es wiederum ein Fehlschluss, diese Entwicklung auf die neue Bezeichnung zurückzuführen. Hätte jemand 1960 versucht, statt von Gastarbeitern von Einwanderern zu sprechen, um damals schon den heutigen Stand zu erreichen, hätte ihm niemand zugehört. Das Wort konnte sich erst durchsetzen, nachdem die Gastarbeiter zu Restaurantbetreibern, Obsthändlerinnen und Spediteuren – kurz: zu Teilen dieser Gesellschaft geworden waren. Es war also weniger das neue Wort, das dieser Gruppe einen neuen Status ermöglicht hätte; vielmehr hatte sich ihre soziale Realität so sehr verändert, dass deren Beschreibung nach einem neuen Begriff mit einem neuen Namen geradezu verlangte. Diese Bedingungen sind aber nicht gegeben, wenn statt von „Behinderten“ plötzlich von „Menschen mit Behinderungen“ die Rede sein soll. Eine solche Regelung trägt keiner Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit Rechnung, sondern nur dem volkspädagogischen Wunsch, die Wirklichkeit möge sich der Regelung anpassen.

Diese Form der Erziehung durch Sprache ist das eigentliche Terrain der politisch Korrekten, und hat, wie eingangs erwähnt, in bestimmten Fällen sogar ihre Berechtigung. Mit diesen Fällen hat man es zu tun, wenn die alte, zu ersetzende Bezeichnung an sich bereits einen diskriminierenden Charakter (erworben) hat; wenn also schon das Wort eine negative Konnotation transportiert: Der „Neger“, der „Mongo“, die „Schwuchtel“, etc. Hier kann man den Versuch unternehmen, den Begriff von seinen diskriminierenden Momenten zu befreien, indem man ihm einen neuen, neutraleren Namen gibt. Es ist zwar fraglich, ob Rassisten ihre Ressentiments verlieren, wenn statt von „Niggern“ nur noch von „Schwarzen“ die Rede ist. Wenn sie jedoch ungestraft „Nigger“ sagen dürfen, reichen sie die Ressentiments in jedem Falle weiter, weshalb an der Ächtung des Wortes auch kein Weg vorbeiführt.

Das Wort „Behinderte“ passt aber gerade nicht in dieses Muster; es ist für sich genommen erst einmal vollkommen neutral. Es beschreibt Menschen, die eben körperlich oder geistig in der einen oder anderen Form beeinträchtigt sind, ohne als Wort ein Urteil über die Bezeichneten zu enthalten. In diesem Falle stecken die Ressentiments also nicht im Namen des Begriffs, sondern im Begriff selbst – und sie stecken auch weiterhin darin, wenn man diesen Namen ändert. Die Frage ist also, wie es der Emanzipation dienlich sein soll, wenn eine an sich nicht diskriminierende Bezeichnung durch eine andere ersetzt wird. Dies soll in diesem Falle geschehen, indem man das Wort „Mensch“ einführt, damit jede Erwähnung eines Behinderten gleichzeitig an dessen Zugehörigkeit zur Gattung gemahnt. Genau das stellt sich jedoch bei näherem Hinsehen als Falle heraus.

Die Fallstricke des Wortes „Mensch“

Auch wenn die Bezeichnung „Behinderter“ die übrigen Eigenschaften des Bezeichneten dominiert, so bezieht sie sich doch immer und ohne jede Frage auf einen Menschen. In Bezug auf andere Lebewesen ist das Wort schlicht nicht gebräuchlich. Wenn man nun aber einen Umstand, der eigentlich selbstverständlich ist, extra noch einmal betont, dann tritt ein paradoxer Effekt ein: Der Umstand wird nicht bestärkt, sondern in Frage gestellt. Auch hierfür gibt es Beispiele: In Deutschland trauen sich viele seit 1945 nicht mehr so recht, von „Juden“ zu sprechen, weil das Wort unter Hitler schließlich eine Beleidigung war und für die so Bezeichneten einem Todesurteil gleichkam. Bis heute reden deshalb viele von „Menschen jüdischen Glaubens“ und wollen damit sich, den Juden und aller Welt beweisen, dass sie mit Antisemitismus nichts am Hut hätten. Sie wollen zeigen, dass die Juden in Deutschland heute als Gleiche unter Gleichen anerkannt seien – tatsächlich beweisen sie aber nur, wie neurotisch ihr Verhältnis zu den Juden bis heute ist.

Zum einen klingt ihnen das Wort „Jude“ immer noch wie eine Diskriminierung in den Ohren, weshalb sie alles tun, um es im Alltag zu vermeiden. Zum anderen müssen sie den Status der Juden als Menschen ständig betonen, weil dieser Status nach Auschwitz alles andere als selbstverständlich ist. Noch in der freundlichsten Beteuerung des Deutschen, die Juden wären jetzt als Bürger anerkannt, reproduziert sich die Differenz zwischen den Juden, die Anerkennung erfahren, und den Deutschen, die Anerkennung gewähren – oder im Zweifelsfall eben auch wieder zurückziehen können. Wie schnell das geht, zeigt sich jedesmal, wenn eine prominenter „Mensch jüdischen Glaubens“ allzu offen Farbe für Israel bekennt: Dann wird er nämlich überschüttet mit Beschimpfungen und der Forderung, er solle doch „nach Hause“ zurückkehren. Womit selbstverständlich nicht München, Frankfurt oder Berlin gemeint ist, sondern Jerusalem oder Tel Aviv.

Nun funktionieren Ressentiments gegenüber Behinderten anders als der Antisemitismus, doch zwischen den Bezeichnungen „Mensch jüdischen Glaubens“ und „Mensch mit Behinderungen“ gibt es einige Parallelen. Auch „Mensch mit Behinderungen“ soll eine Selbstverständlichkeit ausdrücken – nämlich die, dass es sich bei den Bezeichneten eben um Menschen handele. Und auch diese Formel legt, weil sie eine Selbstverständlichkeit verdoppelt, nahe, dass mit ihr ebensogut das Gegenteil gemeint sein kann: Dass das Mensch-Sein der Bezeichneten in Wahrheit fraglich wäre, und man offenbar ständig daran erinnern muss, damit es nicht in Vergessenheit gerät.

Denn Überbetonung weckt Zweifel – im Flugzeug bekommt man es ja auch spätestens dann mit der Angst zu tun, wenn der Pilot via Lautsprecher zum dritten Mal betont, seine Crew habe alles im Griff. Ganz gegen die Intention der politisch Korrekten lässt die neue Anrede die Behinderten nicht menschlicher erscheinen, sondern weniger menschlich; die Behinderung wird nicht in Relation gestellt zu allen anderen Eigenschaften eines vielseitigen Individuums, sondern hinterrücks hervorgehoben. Die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ ist also nicht nur sprachlich ein Krampf, sondern geht auch inhaltlich nach hinten los; genau wie die „Menschen jüdischen Glaubens“, die „Menschen mit Migrationshintergrund“ oder die „Menschen ohne festen Wohnsitz“. Diese Phrasen helfen nicht den Benannten, sondern nur den Benennern – sie kommen sich kritisch und reflektiert vor, wenn sie sie verwenden; und sie merken nicht, dass sie den Ausschluss, den sie vermeiden wollen, in Wahrheit noch einmal verdoppeln.

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Lobenswertes zum Papstbesuch http://weltkritik.blogsport.de/2011/09/06/lobenswertes-zum-papstbesuch/ http://weltkritik.blogsport.de/2011/09/06/lobenswertes-zum-papstbesuch/#comments Tue, 06 Sep 2011 16:32:41 +0000 Administrator Politkram Regional Werbeblog http://weltkritik.blogsport.de/2011/09/06/lobenswertes-zum-papstbesuch/ Nicht, dass ich ein Fan des zwar klugen, aber dennoch erzreaktionären Altinquisitors Ratzinger wäre – aber die ewig gleichen, linken Veranstaltungen anlässlich seines bevorstehenden Deutschlandbesuchs können einem doch ganz schön auf den Geist gehen. Und ebenso auf den Geist gehen kann einem die Kritiklosigkeit, mit der die Linke den Neuen Atheisten um Richard Dawkins gegenübersteht. Gegen deren Versuch, Gesellschaft in Biologie und Freiheit in Evolution aufzulösen, fällt offenbar kaum jemandem etwas ein.

Angesichts dieses linken Kritikversagens sei allen Interessierten wärmstens eine Veranstaltung des [a:ka] empfohlen:

Kritik der Religion, Kritik des Atheismus

am Dienstag, den 13. September, um 19 Uhr
im APEX, Burgstraße 46, Göttingen

Mit Jan Singer vom [a:ka], der die Religionskritik übernimmt, und Leo Elser von der Redaktion Polemos, der sich bereits in der Bahamas schlau über die anti-kritische Tendenz des Atheismus ausließ.

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„Ich bin die Exekutive!“ – oder: Sind Polizisten auch nur Menschen? Ein paar Gedanken zur Staatsgewalt http://weltkritik.blogsport.de/2011/06/30/ich-bin-die-exekutive-oder-sind-polizisten-auch-nur-menschen-ein-paar-gedanken-zur-staatsgewalt/ http://weltkritik.blogsport.de/2011/06/30/ich-bin-die-exekutive-oder-sind-polizisten-auch-nur-menschen-ein-paar-gedanken-zur-staatsgewalt/#comments Thu, 30 Jun 2011 15:05:23 +0000 Administrator Allgemein Kritik & Theorie http://weltkritik.blogsport.de/2011/06/30/ich-bin-die-exekutive-oder-sind-polizisten-auch-nur-menschen-ein-paar-gedanken-zur-staatsgewalt/ Kleine Anekdote vom Rande des Castortransports im vergangenen November: Bei Harlingen in der Nähe von Hitzacker blockieren Atomkraftgegner die Bahnlinie; mehrere Tausend sind schon da, und Hunderte strömen noch hinzu. Die Neuankömmlinge erklimmen einen Damm, auf dem zu wenig Polizei dem Ansturm chancenlos gegenübersteht. Die Einsatzleitung hat den Streckenabschnitt fürs erste aufgegeben, und die meisten Beamten schauen dem Treiben tatenlos zu. Ein Polizist jedoch lässt sich von der Sinnlosigkeit seines Tuns nicht abschrecken und räumt, als eine Art umgekehrter Sisyphos, unbeirrt weiter: Immer wieder schubst er ein und denselben Mann die Böschung hinunter, schaut ihm beim Purzeln und danach beim Klettern zu, und nimmt ihn eine halbe Minute später abermals oben in Empfang. Nach drei oder vier Runden hat der Demonstrant, ein eher gesetzter Vertreter seiner Gattung, die Nase voll von dem Spiel und fragt seinen Gegner, was der denn bitte von ihm wolle – seine Kollegen hätten den Bahndamm schließlich längst freigegeben. „Hier ist jetzt ’ne Sitzblockade, räumen werdet Ihr schon früh genug“, empört er sich, und fügt hinzu: „Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“ Diese Frage bringt den Polizisten kurz aus dem Gleichgewicht, doch dann wirft er seine ganze Prügelbullen-Herrlichkeit in die Waagschale, stemmt die Fäuste in die Hüften und dröhnt übers Gleis: „Ich – bin – die – Exekutive!“

Mehr als nur ein Mensch

Leider verpuffte die Wirkung dieser Worte ein wenig, weil alle Umstehenden in Gelächter ausbrachen. Das ist unfair: Zwar konnte der brave Beamte letztlich nicht einmal seinen Lieblingsgegner von den Schienen fernhalten, doch hat er mit seinem Ausruf unbewusst eine Volksweisheit widerlegt, die er bewusst für unwiderlegbar halten dürfte: nämlich den Satz, wonach „Polizisten auch nur Menschen sind“. Wer diese Behauptung in Frage stellt, gilt dem common sense entweder als verrückt oder als extremistischer Hassverbrecher, der seine Übergriffe auf die Polizei moralisch legitimieren will. Beides mag vorkommen, doch Hermann L. Gremliza, der Herausgeber der konkret, wollte den Stand des Polizeibeamten sicherlich keineswegs aus der Gattung Mensch verbannen, als er den Satz, sie seien ja auch nur Menschen, als „ebenso banal wie falsch“ ins Reich des Irrtums bzw. der Lüge verbannte. Dass Polizisten Menschen sind, ist der banale Teil; falsch ist die Behauptung, dass sie es nur seien. Darüber hinaus sind sie nämlich, solange sie Uniform tragen, auch die ausführende Abteilung der, na?, richtig: Exekutive – ganz wie es unser wackerer Castorkämpfer-Bekämpfer so schön auf den Punkt brachte.

Diese Eigenschaft erhebt den Polizisten im Dienst nicht nur de facto, sondern auch de jure über das sogenannte „polizeiliche Gegenüber“ – sprich zunächst einmal über jeden Bürger, den die Polizei als Gegenstand ihrer Arbeit betrachtet. Der Polizist ist qua Gesetz mit der Macht ausgestattet, die Grundrechte dieser Bürger unter bestimmten Umständen außer Kraft zu setzen: Er darf sie einsperren und in ihre Wohnungen eindringen, er darf sie zusammenschlagen und, wenn es notwendig erscheint, darf er sie sogar erschießen. Kurz – er darf seinen Mitmenschen Dinge antun, für die Kevin Normalverbraucher jahrelang hinter Gitter wanderte. Was dem Nur-Menschen als Freiheitsberaubung, Einbruch, Körperverletzung oder Totschlag teuer zu stehen käme, ist dem Polizei-Menschen Teil seines Arbeitsalltags. Denn als Polizist ist er die konkrete Verköperung eines abstrakten Prinzips – er ist das fleischgewordene Gewaltmonopol des Staates.

Kleine Dialektik des Gewaltmonopols

So wenig der bürgerliche Rechtsstaat einfach eine demokratisch getünchte Fassade ist, hinter der sich die politische Diktatur der Kapitalisten verbürge, so wenig ist sein Gewaltmonopol ein Terrorinstrument in den Händen der Herrschenden, um das Volk zu unterdrücken. Es ist auch das, was es seinem ideologischen Begriff nach ausschließlich sein soll: Eine Maßnahme des Staates, die inhärente Gewalt der kapitalistischen Gesellschaft in seiner Hand zu konzentrieren, um die Gewalt aller gegen alle in der Herrschaft des Rechts aufzuheben. Das bedeutet nun aber nicht, was affirmative Kuscheltheoretiker gerne möchten: dass die Gewalt damit aufhörte. Thomas Hobbes, der erste Philosoph des Gewaltmonopols, war sich über diese Dialektik weitaus deutlicher im Klaren als seine modernen Nachfahren. Für ihn war der Staat, dessen Gewaltmonopol sich die Menschen unterwerfen sollten, um dem Chaos des – in Wahrheit freilich gesellschaftlichen – „Naturzustands“ zu entrinnen, der „Leviathan“: ein Monster, für dessen Schutzversprechen der Preis der Unterfwerfung zu zahlen war.

Was Hobbes damals vorschwebte, als er den Leviathan entwarf, war nun nicht der moderne Rechtsstaat samt Gewaltenteilung, Bundesverfassungsgericht und polizeilicher Deeskalationsstrategie; es war der Allmachtsanspruch des absolutistischen Souveräns, der Konflikte zwischen seinen Untertanen bisweilen dadurch zu schlichten pflegte, dass er beiden Streithähnen den Kopf abschlagen ließ. Deshalb haben liberale Staatstheoretiker auch nicht nur unrecht, wenn sie behaupten, die Bestie sei inzwischen gezähmt. Weitgehend unrecht haben sie allerdings schon, denn ihre Vorstellung vom Staat ohne Gewalt gründet auf dem Phantasma einer Herrschaft des Rechts ohne Souveränität.

Tatsächlich fordert das bürgerliche Recht von den Subjekten ja nicht die absolute Unterwerfung, sondern garantiert ein Mindestmaß an Freiheit; es gewährt ihnen Raum zum Atmen, der sich z.B. darin ausdrückt, dass sie gegen den Staat vor Gericht ziehen können (und gelegentlich sogar die Chance haben, den Prozess zu gewinnen). Trotzdem ist kein funktionierendes Recht ohne Gewalt denkbar; kein Gesetz kommt ohne den Souverän aus, der ihm (notfalls gewaltsam) Geltung verschafft. Und Souverän ist, wie der Nazijurist Carl Schmitt durchaus zurecht feststellte, nicht derjenige, der den besten Anwalt hat oder die Mehrheit der Leute hinter sich weiß, sondern derjenige, der über den Ausnahmezustand gebietet – was nichts anderes heißt, als dass die Macht letzten Endes auch im Rechtsstaat aus den Gewehrläufen kommt.

Das Recht, zu verletzen

Um diese Gewalt zu Entfesseln, braucht es keineswegs den Ausnahmezustand, also die Aufhebung der Verfassung qua Notstandsverordnung, oder gleich den Militärputsch. Der Staat braucht manifeste Gewalt auch, wenn er das Recht nicht aushebeln, sondern durchsetzen will. Zuständig für die Anwendung dieser Sorte Alltagsgewalt ist, wie oben gezeigt, die Polizei; ihre Formen reichen vom Verdrehen eines Armes bei einem ertappten Ladendieb bis zum gezielten Todesschuss in den Kopf eines Geiselnehmers. Auch beim Castortransport 2010 ging es nicht immer so harmlos zu, wie eingangs geschildert: Ein paar Stunden zuvor waren ganze Hundertschaften mit Schlagstöcken, Gasgranaten und Wasserwerfern auf die sogenannten „Schotterer“ losgegangen. Für die Polizei-Einsatzleitung war das eine notwendige Anwendung „polizeilicher Mittel“, um einen „Gefährlichen Eingriff in den Schienenverkehr“ (strafbar gemäß § 315 StGB) zu unterbinden – für einige der rund 1.000 durch diese „Mittel“ verletzten Demonstranten hieß es, dass man ihnen mit Knüppeln die Hände zertrümmerte, weil sie ein paar Steine aus einem Gleisbett schaufeln wollten.

Sitzblockierer, die von schweren Stiefeln blutiggetreten werden; Jugendliche, die sich vor Tränengas heulend am Boden krümmen; alte Damen, die von gepanzerten Robocops im Vollsprint niedergetrampelt werden, weil sie zufällig einer Verfolgung im Wege stehen – all das kann man erleben, wenn der Staat bei sogenannten „Großlagen“ das Recht durchsetzt. Weil man hierzulande in der Vorstellung aufwächst, eine derartige Polizei-Brutalität gäbe es nur in Diktaturen (und vielleicht noch in den USA), verfallen Unvorbereitete häufig in eine regelrechte Schockstarre, wenn sie zum ersten Mal mit solchen Gewaltexzessen konfrontiert sind. Doch mit Diktatur oder gar mit Faschismus hat das Verhalten der Beamten nichts zu tun. Sie handeln durchaus im Rahmen des Rechts, und ihre Handlungen sind von Gesetzen gedeckt – nur wird in ihnen eben jenes Gesicht des Rechtsstaates deutlich, von dem Spiegelautorinnen und Sozialkundelehrer in der Regel nichts wissen (wollen).

Polizeiwillkür oder Polizeigewalt?

Dass es durchaus zur Natur des Rechtsstaates gehört, Gewalt gegen seine Bürger anzuwenden, verleitet nun manchen Linken zu dem Umkehrschluss, es bestünde kein substantieller Unterschied zwischen der Demokratie und diktatorischer Willkür. Doch diese These ist, wie die meisten simplen Umkehrschlüsse, unzulässig: Hierzulande kann niemand in dem Sinne gefoltert werden, wie es unter Pinochet oder Saddam gang und gebe war; hierzulande wird niemand aus einem Hubschrauber in die Nordsee geworfen und bleibt fortan verschwunden; und hierzulande wird jeder Gefangene, dessen Festnahme nicht von einem unabhängigen Richter bestätigt wird, nach wenigen Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt. Von den Mitteln, die den Geheimdiensten selbst in einer relativ „kommoden Diktatur“ (Günter Grass) wie der DDR zur Verfügung standen, können VS, BND und MAD nur träumen.

Und trotzdem: Manchmal ist es tatsächlich so, dass die Rechte des „polizeilichen Gegenübers“ nur auf dem Papier bestehen. Manchmal verhält die Polizei sich tatsächlich so, als wäre ihr alles erlaubt; und degradiert den Bürger, der ihr in die Quere kommt – zumindest vorübergehend – vom Rechtssubjekt zum hilflosen Gegenstand ihrer Maßnahmen. So etwa, wenn eine Beamtin auf einer Demo mal ein bisschen härter zulangt als nötig und einem bereits Überwältigten zwecks Frustaubbau noch mal ordentlich die Nieren zu Brei tritt. Die Prügelbulette hat zwar ihre Befugnisse überschritten und sich theoretisch der Körperverletzung im Amte strafbar gemacht, doch wird sie kaum fürchten müssen, für diese Straftat auch praktisch belangt zu werden. Vielmehr riskiert das Opfer, wenn es Anzeige erstattet, selbst eine Strafe wegen Landfriedensbruchs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Der Grund für diesen Umstand ist wiederum der Dualismus des Polizisten als Mensch und personifizierte Staatsgewalt – aber diesmal umgekehrt: Weil Polizisten eben nicht nur Staatsgewalt sind, die, einer Maschine gleich, das Recht exekutieren, sondern auch bürgerliche Subjekte mit allen Implikationen des Begriffs, neigen sie nicht selten dazu, die Macht, die ihnen verliehen ist, zu missbrauchen. Sei es, dass ein Beamter einfach so in eine Wohnung eindringt, weil er keinen Bock hat auf all den Papierkram für einen Durchsuchungsbefehl; sei es, dass er einen schwarzen Gefangenen eine Teppe hinunterschubst, weil er Rassist ist; sei es, dass er einen Demonstranten verprügelt, weil er Frust mit der Familie hat – all das kann er oft genug ungestraft tun, weil die Leute, die für eine strafrechtliche Verfolgung zuständig wären, seine eigenen Leute sind. Sie drücken gerne mal ein Auge zu, weil sie ein derartiges Verhalten von sich selber kennen. Die Polizei ist, mit einem Begriff der Kritischen Theorie ausgedrückt, ein „Racket“, eine Art Bande innerhalb und zugleich außerhalb der offiziellen Strukturen.

Staatsgewalt als Racket

Derartige Phänomene existieren in den unterschiedlichsten Zusammenhängen; auch Religionsgemeinschaften oder jugendliche Nachbarschaften gehören dazu, und eines der erfolgreichsten Rackets dürften jene akademischen Seilschaften sein, die seit Jahrzehnten an den offiziellen Entscheidungsstrukturen vorbei Lehrstühle und Forschungsgelder untereinander aufteilen. Doch kein Racket ist so gefährlich wie das der Polizei, weil es sowohl über die Befugnis zur Gewaltanwendung verfügt als auch bei Staatsanwälten und Richtern nahezu grenzenloses Vertrauen genießt. Der Selbstkontrolle durch die Gewaltenteilung sind in diesem Punkte deshalb enge Grenzen gesetzt: Die oben erwähnte Prügelbulette kommt in aller Regel straffrei davon, weil sich die Richterin ein derartiges Verhalten bei einer Staatsdienerin im Leben nicht vorstellen könnte. Und schließlich kann die Beamtin ja auch drei Kollegen als Zeugen aufbieten, die alle bestätigen, dieser Langhaarige habe die Ärmste angegriffen; sie habe sich wehren müssen, und dabei sei der Demonstrant unglücklich gestürzt.

Die Apologeten des Staates, etablierte Medien vorneweg, weigern sich schlicht, solche Phänomene zur Kenntnis zu nehmen. Berichte über Polizeiwillkür halten sie für die Gräuelpropaganda irregeleiteter Extremisten; schwerverletzte oder gar tote Gefangene wie Oury Jalloh für bloße Unfallopfer oder Selbstmörder. Wird dann doch einmal ein Beamter verurteilt, ist schnell von einem bedauerlichen Einzelfall die Rede, und man verweist auf die ungeheure Belastung, der „unsere Polizisten“ im Dienst ausgesetzt seien. Umgekehrt neigen Linke dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Ihnen gilt Polizeibrutalität als das Wesen des Rechtsstaates; ganz gleich, ob ein Schlagstockeinsatz im Rahmen der staatlichen Machtbefugnisse lag, oder ob er allein aus der Willkür der prügelnden Beamten erwuchs. Dabei besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Wirken von Rackets im Rechtsstaat und einer Herrschaft der Rackets. Ersteres bedeutet Bundesrepublik, letzteres Terrorherrschaft. Im ersten Falle gibt es vielleicht schlechte Chancen, einen Polizisten für seine Straftat zur Rechenschaft zu ziehen; im letzteren ist jede Tat, die ein Polizist im Amt begeht, automatisch Recht – wie etwa die Morde an sozialdemokratischen Nachbarn durch SA-Hilfspolizisten im Frühjahr 1933.

Was denken? – wie zu kritisieren wäre

Tatsächlich ist das staatliche Gewaltmonopol notwendig, solange die kapitalistischen Verhältnisse der Konkurrenz und des Privateigentums die Menschen zu potentiellen Feinden ihrs Nächsten machen. Man muss die Polizei wollen in dieser Gesellschaft; und man muss wollen, dass sie auch schießen darf, wenn man die Geiseln eines Bankräubers nicht dessen Willkür überlassen möchte. Andererseits muss einem jedoch klar sein, dass ein Gewaltmonopol selbst unter den relativ zivilisierten Bedingungen eines bürgerlichen Rechtsstaates nicht ohne Opfer zu haben ist – dass man also mit blutigen Schädeln und gebrochenen Knochen auch dann rechnen muss, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. Darüber hinaus darf man die Gefahr nicht verleugnen, die von einem derart mächtigen Apparat wie der Polizei ausgeht: Niemals wird man einen Zustand erreichen, in dem sich Polizisten auf die Durchsetzung des Rechts beschränken und auf sämtliche Missbrauchsmöglichkeiten verzichten, die ihr Beruf ihnen bietet.

Während sich das Gewaltmonopol selbst nur kritisieren lässt, wenn man es als notwendigen Bestandteil des falschen Ganzen begreift, lassen sich Machtmissbrauch und Korruption freilich schon dann angehen, wenn man aus einer bürgerlichen Position heraus den Finger in die Wunde legt. Organisationen wie „Bürger beobachten die Polizei“ sind von daher durchaus sinnvoll, solange sie versuchen, Polizeibrutalität zum Thema in der Öffentlichkeit zu machen. Das birgt immerhin die Chance, auch Richter für das Problem zu interessieren und somit die Kontrolle durch die Jurisdiktion zu verschärfen. Wenn Polizeibeobachter allerdings glauben, sie hätten mit dem Nachweis von Übergriffen durch Polizeibeamte bereits das Gewaltmonopol als solches desavouiert, fallen sie selbst in ideologische Wahrnehmungsmuster zurück. Die vornehmste Aufgabe des Kritikers bleibt nicht die Kritik der Polizei, sondern die Kritik jener Verhältnisse, die der Gewalt des Staates bedürfen, um ihren Untergang in der Barbarei zu vermeiden. Und dazu gehört – in vollem Bewusstsein des zivilisatorischen Fortschritts, die sie Diktatur und Willkür gegenüber darstellt – auch die Kritik der Demokratie.

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Gefällt mir: Musik von Ja, Panik http://weltkritik.blogsport.de/2011/05/31/gefaellt-mir-musik-von-ja-panik/ http://weltkritik.blogsport.de/2011/05/31/gefaellt-mir-musik-von-ja-panik/#comments Tue, 31 May 2011 20:42:55 +0000 Administrator Kultur (nach Auschwitz) Werbeblog http://weltkritik.blogsport.de/2011/05/31/gefaellt-mir-musik-von-ja-panik/ Das aktuelle Album der burgenländisch-berlinerischen Band „Ja, Panik“ heißt DMD KIU LIDT, was ausgeschrieben „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“ bedeuten soll – und damit natürlich schon ein bisschen kitschig ist. Andererseits: Die Jungs singen so ambivalente Zeilen wie „Achtung, Achtung, Achtung vor der allzu schnellen Heilung/ denn das was uns zerstört, will uns gleich schon reparieren“, um den Kapitalismus zu beschreiben, und so was fiele außer ihnen vielleicht noch den „Goldenen Zitronen“ oder „Tocotronic“ ein. Und sie stellen fest, dass man Pop nicht allzu ernst nehmen dürfe, „gilt es doch nach wie vor, eine Welt zu zerstören.“ Außerdem bringt es allein der Titelsong auf fast eine Viertelstunde guter Musik. Hört’s Euch an!

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Zuhause bleiben gegen Nazis – oder: Warum die NPD heute ohne mich tagen musste http://weltkritik.blogsport.de/2011/05/22/zuhause-bleiben-gegen-nazis-oder-warum-die-npd-heute-ohne-mich-tagen-muss/ http://weltkritik.blogsport.de/2011/05/22/zuhause-bleiben-gegen-nazis-oder-warum-die-npd-heute-ohne-mich-tagen-muss/#comments Sun, 22 May 2011 17:23:18 +0000 Administrator Allgemein Politkram Regional http://weltkritik.blogsport.de/2011/05/22/zuhause-bleiben-gegen-nazis-oder-warum-die-npd-heute-ohne-mich-tagen-muss/ Dass Nazis bekämpft gehören, und zwar auf allen Ebenen und mit allen Mitteln, das weiß sogar noch die A.L.I. – auch wenn sie sonst überhaupt nichts mehr weiß. Deshalb ist es erstmal auch zu begrüßen, wenn anlässlich des NPD-Parteitags in Northeim mit 1.400 Gegendemonstranten zu rechnen war. Das Problem, bzw. der Grund warum ich das Spektakel von Zuhause aus verfolgte, ist die Zusammensetzung dieser Nazigegner: 1.000 brave Bürger vom grün-roten Vollkornbourgeois bis zum evangelischen Pfaffen treffen sich zum Kuchenessen gegen Faschismus, und 400 gar extremistische Göttinger Antifas wollen versuchen, der NPD den Tag zu versauen. Die Bürger werden dabei von derselben Sorte Provinz-Pappenheimer angeführt, die vor zwei Jahren in Friedland zum Fremdschämen Anlass gaben – man hat, kurz gesagt, soviel damit zu tun, sich von der Antifa zu distanzieren, dass man sich um die Nazis kaum noch kümmern kann. Die Northeimer CDU etwa phantasiert von „vermummten Schlägertrupps, die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern“, und warnt im selben Atemzug davor, die Antifa könne friedliche Demonstranten abschrecken. Eine selfullfilling prophecy erster Güte: Seit die Northeimer Einzelhändler wissen, dass sie sich fürchten sollen, haben sie es offenbar tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen und ihre Läden verbarrikadiert.

Team Bunt: ein Bündnis gegen Rechts und Links

Dass sich das Göttinger Bündnis gegen Rechts auf derartige Spaltungsspielchen nicht einlässt, sondern militante Ansätze in den eigenen Reihen durchaus toleriert, ist ein Erfolg der verblichenen Autonomen Antifa [M] und bis heute eine echte Ausnahme. In der Regel – und vor allem in der Provinz – können sich die berühmten „breiten Bündnisse“ antifaschistischen Widerstand nicht anders vorstellen, denn als familientaugliches Straßenfest. Sobald jemand ankündigt, er werde, wenn es Not tut, auch über den Rasen laufen, schreckt man zurück und überlässt die Sache lieber der Polizei. Nun haben wir es nicht mit einer Situation zu tun, in der die Nazis kurz vor der Machtübernahmen stünden, und jeglicher Widerstand, auch der militante, hat in erster Linie symbolischen Charakter. Deshalb ist die Extremismus-Phobie der Bürger-Bündnisse auch mehr ein Ärgernis als ein Drama. Sie kann allerdings gefährlich werden, wenn es irgendwann doch noch einmal hart auf hart kommen sollte: Wer dann immer noch auf Recht und Gesetz vertraut landet in der selben (Todes-)Falle wie die SPD, als sie 1933 ihre bewaffneten Einheiten nach Hause schickte – man wollte seine Treue zur Verfassung selbst dann noch demonstrieren, als die Regierung längst dabei war, die ersten KZ zu errichten.

Dass sich CDU und Antifa im Alltag eher unversöhnlich gegenüberstehen, ist verständlich – gegen Nazis steht man nolens volens dennoch auf derselben Seite. Ob man das historisch begründet, also mit dem Scheitern der Weimarer Republik, oder gesellschaftsphilosophisch, also damit, dass Demokraten und Kommunisten beide zur Partei der Aufklärung gehören, während die Nazis deren Umschlag in die Barbarei verkörpern, ist letztlich Geschmackssache. Bei einem Bündnis, dass diese Basisbanalitäteten weder der Sache noch der Begründung nach einsehen will, mag ich nun aber wirklich nicht mitlaufen.

Team Schwarz: Antifaschismus sollte klug sein

Nun gibt es natürlich eine Alternative zum Bürgerbündnis, nämlich die Antifademo, aber auch die ist alles andere als überzeugend. Dominiert werden wird sie nämlich aller Voraussicht nach wieder einmal von der schon erwähnten A.L.I. und von der J.A.G., Göttingens linksradikalem Tigerentenklub. Vom organisatorischen Potential her sind diese beiden Gruppen Spitze in Südniedersachsen, weshalb sie auf Demos immer vorne laufen und vom Lauti aus am meisten erzählen dürfen – nur leider werden sie auch in Northeim mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts als Unfug verzapfen, denn inhaltlich sind sie bekanntlich die Avantgarde des Schwachsinns.

Wenn die A.L.I. der NPD eine „verbrecherische Ideologie“ unterstellt (was auch immer das sein soll) und die J.A.G. zur Demo aufruft „um unseren Unmut und unseren Hass gegenüber den FaschistInnen und ihrer menschenverachtenden Einstellung deutlich zu machen“, dann klingt das nicht allein wegen des sprachlichen Unvermögens so anachronistisch, sondern auch aus inhaltlichen Gründen: Hier kann man das schräge, autonome Weltbild der 80er Jahre, wonach Staat und Nazis Hand in Hand für die Kapitalisten das Volk niederhielten, tatsächlich noch lebendig und in Aktion erleben. Da A.L.I. und J.A.G. von allem, was auch nur ansatzweise den Namen „Gesellschaftskritik“ verdiente, meilenweit entfernt sind, müssen sie mit Schlagwörtern arbeiten. „Wir wollen nicht nur gegen den NPD Landesparteitag demonstrieren, sondern auch gegen einen Staat, dessen Justiz und seine Polizei den FaschistInnen Raum und Möglichkeit gibt ihren Landesparteitage abzuhalten und AntifaschistInnen daran hindern will ihren legitimen Protest auf die Straße zu tragen“ (Fehler im Original), schreibt etwa die J.A.G. und hat damit das Äußerste ihrer „Staatskritik“ offenbar bereits erreicht: Der Staat ist doof, weil die ihren Parteitag machen dürfen, wir aber nicht dagegen demonstrieren, dabei sind die doch Nazis und wir legitim – oder so.

Warum tut er das bloß, dieser Staat?, könnte man zurückfragen, und die Antwort käme, weil ein kritischer Begriff des bürgerlichen Staates nicht zur Verfügung steht, um Verschwörungstheorien gar nicht herum: Irgendwo unterhalb der demokratischen Oberfläche muss eine geheime Interessens-, wenn nicht gar Wesensgleichheit zwischen Staat und Nazis bestehen; müssen demokratische Politikerinnen und Politiker bereit sein, auf Befehl des Arbeitgeberverbandes die Verfassung zu verraten und mithilfe der Nazis zum Faschismus zurückzukehren. Um diesem Quatsch wenigstens einen Schein von Plausibilität zu verleihen, stürzt man sich mit Begeisterung auf jeden Überlebenden des CDU-Stahlhelmflügels und faselt von „schwarz-braunen Verhältnissen“ in der Region.

Die tatsächlichen Gründe für das Verhalten des Staates sind dabei so simpel, dass sie von A.L.I. & Co. vermutlich für eine Heuchelei der Verschwörer gehalten werden: Die NPD hat, solange sie nicht verboten ist, nun einmal das Recht, Parteitage abzuhalten; eine Blockade mit dem Ziel, den Parteitag zu verhindern, ist dagegen vom Versammlungsrecht nicht gedeckt. Wenn die Polizei den Parteitag schützt und die Antifa einkesselt, dann tut sie das also zum einen, um das Recht durchzusetzen, und zum anderen, um dem Gewaltmonopol Geltung zu verschaffen. Sie handelt also in erster Linie juristisch und nicht politisch. Wer nun ausgerechnet darin seinen Grund findet, den Staat abzulehnen, begibt sich auf gefährlich dünnes Eis – implizit redet er einer Willkürherrschaft das Wort, in der Beamte nach politischem Gusto entscheiden dürfen, wer einen Parteitag abhalten oder öffentlich demonstrieren kann. Anstelle des Rechts der Bürger auf freie Versammlung, das vom Staat zu garantieren ist (und deshalb eben auch Nazis zugute kommt), träte das Recht des Staates, nur das zu erlauben, was ihm (und nicht der Antifa) politisch legitim erscheint. Wetten auf eine Zukunft der linksradikalen Demonstrationskultur wollte ich in diesem Falle jedenfalls nicht mehr abschließen.

(Disclaimer: Staatskritik selbst ist hier nicht das Thema, doch ich sollte zumindest erwähnen, dass auch die Herrschaft (vermittels) des Rechts keineswegs unproblematisch ist. Zum einen steht und fällt mit ihr die Herrschaft des Kapitals über die Einzelnen. Zum anderen beruht auch sie, ganz wie die unmittelbare Herrschaft von Menschen über Menschen, in letzter Konsequenz auf der Macht der Gewehrläufe und trägt somit den Keim für ihre Selbstzerstörung im Ausnahmezustand bereits in sich. Solange Herrschaft und Ausbeutung jedoch existieren, bleibt die relative Autonomie des Rechts gegenüber der exekutiven Gewalt die einzige Hoffnung für das Minimum an Freiheit, das dem Einzelnen in dieser Gesellschaft bleibt.)

Zwei Gründe hätte es gegeben, an der linksradikalen Demo in Northeim teilzunehmen: Erstens die Chance, den NPD-Parteitag tatsächlich zu behindern. Die dürfte sich angesichts des erwarteten Polizeiaufgebots allerdings kaum bieten. Und zweitens eine Demonstration zu unterstützen, auf der kluge Flugblätter verteilt werden und in Redebeiträgen eine fundierte Gesellschaftskritik vermittelt wird. Das dürfte angesichts der Organisatoren nun vollkommen ausgeschlossen sein. Wenn man in Northeim aber nur die Wahl hat zwischen der CDU und der A.L.I., dann tut man gut daran, eine Entscheidung zu verweigern – also: Zuhause bleiben gegen Nazis!

Team Blau: ein differenzierender Nachtrag

Zur grundsätzlichen Rolle des Staates bei solchen Ereignissen muss noch einiges gesagt werden, um Missverständnisse zu vermeiden: Wenn ich oben argumentiere, der Staat handele dabei auf juristischer Grundlage, dann ist das ein notwendiges Argument gegen politizistische Verschwörungsideen – es ist aber, genaugenommen, auch nur die halbe Miete. Denn natürlich sind Polizei und Verwaltung keine neutralen Instanzen, die ohne eigenen Antrieb Recht anwenden, sondern mit Willen und Interesse ausgestattete Institutionen, die den gesetzlichen Rahmen politisch zu nutzen trachten. Insofern ist es immer auch eine Schutzbehauptung wenn ein Beamter oder eine Politikerin vorgibt, allein dem Gesetz zu folgen und keinerlei Spielraum zu haben.

Damit fängt das eigentliche Problem aber erst an: Wodurch wird die Politik der Behörden bestimmt. M.E. lassen sich zwei große Einflüsse erkennen, deren Gewicht sich in den letzten Jahren verschoben haben. Einerseits haben wir es in Deutschland immer noch mit Behörden zu tun, die vom Geist des preußischen Obrigkeitsstaates geprägt sind; besonders die Polizei ist nach wie vor Brutstätte und Sammelbecken für die autoritären Persönlichkeit. Rechte Forderungen nach einem starken Staat, der Bürgerrechte den Herrschaftsinteressen unterordnet, stoßen hier leichter auf Gegenliebe als das linke Lamento über Behördenwillkür und Polizeigewalt. Andererseits steht dieser gewissermaßen naturgemäßen Affinität für das rechte Spektrum mehr und mehr jene Ideologie entgegen, wonach man nicht trotz, sondern wegen Auschwitz stolz sein könne auf Deutschland – weil man nämlich aus dem Holocaust gelernt habe und seine Identität heutzutage aus eben diesem Lernprozess beziehe. Toleranz gegenüber Neonazis passt da nicht mehr ins Konzept: War es in den 90er Jahren tatsächlich noch gang und gebe, dass Nazis im Schutze der Polizei ihr Unwesen trieben, während ihre Gegner bis zum geht-nicht-mehr schikaniert wurden, so sind heute die Nazis selbst den krassesten Schikanen der Behörden ausgesetzt – erwähnt seien nur Auflagen, die das Tragen von Stiefeln verbieten oder blaue Jeans als Verstoß gegen das Uniformierungsverbot werten.

Auf der Entscheidungsebene scheint sich mir die Tendenz zum antinazistischen Bekenntnis durchzusetzen; doch der Hass gegen Linke, die Begeisterung für Befehl und Gehorsam und die Lust an der staatlich legitimierten Gewaltanwendung sind nicht verschwunden – wie locker der Knüppel sitzt, wenn das „polizeiliche Gegenüber“ als Antifa erkennbar ist, könnte man heute in der Roten Straße erleben.

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Kritik des Poststrukturalismus – Theorieveranstaltung am 15. April in Göttingen http://weltkritik.blogsport.de/2011/03/28/kritik-des-poststrukturalismus-theorieveranstaltung-am-15-april-in-goettingen/ http://weltkritik.blogsport.de/2011/03/28/kritik-des-poststrukturalismus-theorieveranstaltung-am-15-april-in-goettingen/#comments Mon, 28 Mar 2011 17:26:34 +0000 Administrator Politkram Regional Kritik & Theorie http://weltkritik.blogsport.de/2011/03/28/kritik-des-poststrukturalismus-theorieveranstaltung-am-15-april-in-goettingen/ Das [a:ka] kommt endlich auch mal wieder in die Gänge und hat Alex Gruber vom Café Critique eingeladen: „Kritische Theorie & Postmoderne – Zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“ heißt der Vortrag und will den Granden der Postmodernen Theorie von Foucault über Butler bis Agamben nachweisen, dass sie in Sachen Aufklärungsverrat heute die Rolle spielen, die vor 75 Jahren solch illustren Philosophen-Nazis wie Martin Heidegger oder Carl Schmitt zukam. Gruber schreibt für antideutsche Theorieblätter wie Bahamas oder Prodomo und ist Mitherausgeber des Bandes „Gegenaufklärung – Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“, der demnächst im Ca-Ira-Verlag erscheint. Wer von Gruber schon mal einen Text gelesen hat, dem dürfte sein Hang zu steilen Thesen bekannt sein – was vielleicht nicht für einen ausgewogenen Vortrag sorgt, dafür aber für eine spannende Diskussion. Hier die Veranstaltungsdaten:

Vortrag & Diskussion
mit Alex Gruber (Café Critique)
am Freitag, den 15. April
um 19 Uhr im ZHG 005

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Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft http://weltkritik.blogsport.de/2011/03/18/der-heimliche-neid-auf-japan-oder-deutschland-traeumt-von-der-volksgemeinschaft/ http://weltkritik.blogsport.de/2011/03/18/der-heimliche-neid-auf-japan-oder-deutschland-traeumt-von-der-volksgemeinschaft/#comments Fri, 18 Mar 2011 21:30:06 +0000 Administrator Allgemein Kritik & Theorie http://weltkritik.blogsport.de/2011/03/18/der-heimliche-neid-auf-japan-oder-deutschland-traeumt-von-der-volksgemeinschaft/ Japan hat es so richtig übel erwischt, und angesichts der Verwüstungen und der Dreifach-Kernschmelze im AKW Fukushima ist die Fixierung der Medien auf die dortigen Ereignisse auch kaum verwunderlich. Wundern kann man sich allerdings sehr wohl über die Zwischentöne, die sich in Deutschland immer wieder in die Berichterstattung schleichen: Da wird zum einen mit kaum verhohlener Begeisterung vom „Zusammenbruch einer Industrienation“ gefaselt, als stünde dem Land ein Rückfall in die Dritte Welt bevor. Gleichzeitig dürfen sich Ethnologinnen und Historiker, Moderatorinnen und Leitartikler in jeder Sendung und in jedem Text über die famose „Disziplin“ der Japaner auslassen, die trotz des Bebens zur Arbeit gingen (wo es noch eine Arbeit gibt), und ansonsten ruhig in Notunterkünften ausharrten und gemeinsam ihr Überleben organisierten.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass beide Phänomene – der vermeintliche Untergang eines Industriestaates und das kollektive Ärmelaufkrempeln und Weitermachen seiner Bevölkerung – weniger um ihrer selbst willen so hervorgehoben werden, als weil sie im kollektiven Unbewussten des postnazistischen Deutschlands ein paar Saiten zum Klingen bringen, die lange ungezupft geblieben sind. Als Bündnis der völkischen Gemeinschaften gegen den westlichen Individualismus hatte Deutschland mit Japan gemeinsam Krieg geführt; gemeinsam war man untergegangen und gemeinsam war man wieder zu Reichtum gekommen. Obwohl damals alles kaputt schien, waren nach wenigen Jahren aus Ruinen wieder blühende Landschaften erwachsen – und zwar scheinbar aus nichts als aus dem Fleiß und aus dem Durchhaltewillen zweier geschlagener Nationen.
Mir scheint, dass Journalisten wie Rezipienten insgeheim stets diesen Zusammenhang im Kopf haben, wenn sie derzeit über Japan schreiben oder lesen, senden oder schauen. Unmittelbar an die Oberfläche dringt er allerdings nur, wenn Zeitungen, Talkrunden oder Blogs vom „Kamikaze-Einsatz“ schwafeln und damit die Fukushima 50 meinen – doch dazu später.

Keine Sorge um Japan: Kapitalismus heißt Aufschwung durch Untergang!

Natürlich wird Japan nicht untergehen: Gerade die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik beweist, dass der Reichtum einer kapitalistischen Gesellschaft nicht allein vom Zustand seiner Fabriken und vom Lebensstandard der arbeitenden Klassen abhängt. Er hängt auch auch (und vor allem) vom abstrakten Reichtum ab, sprich vom Guthaben auf den Konten der Unternehmer. Das deutsche Wirtschaftswunder war dementsprechend auch weniger dem Fleiß der postnazistischen Volksgemeinschaft geschuldet, als der Tatsache, dass Unternehmen und Konzerne unter Hitler prächtig verdient hatten, und es sich nun leisten konnten, Arbeiter für den Wiederaufbau und den Neustart der Produktion zu bezahlen.
Die Zerstörung der Städte und der vorübergehende Hunger der Bevölkerung erwiesen sich dabei sogar als Wachstumsmotor: Die Baubranche gedeiht prächtig, wenn es an Wohnungen fehlt, und ausgehungerte Arbeiter sind dem Kapital die besten Kunden: Sie haben massenweise Bedürfnisse, die gestillt werden wollen; und sie arbeiten fleißig, um das Geld zu verdienen, das allein diese Bedürfnisse am Markt befriedigen kann.

Ähnlich wird es auch Japan ergehen: Sicher rutscht das Land zunächst in eine Krise, doch für die gröbsten Schäden an den Fabriken kommen die Versicherungen auf, und das Kapital ist noch genauso da wie die Arbeitskräfte, die fürs Weitermachen notwendig sind. Der immense Verlust an Häusern, Autos, Fernsehern und Mikrowellenöfen wird in ein, zwei Jahren in eine immense Nachfrage nach Häusern, Autos, Fernsehern und Mikrowellenöfen umschlagen, und der Krise wird ein neuer Aufschwung folgen.
Von dieser schnöden Mechanik der kapitalistischen Tausch- und Produktionsweise mag man in deutschen Medien aber zur Zeit nichts wissen. Dort berauscht man sich, wie gesagt, am aktuellen Niedergang: Man starrt auf die Bilder der Verwüstung, ist hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Faszination.

Der Traum vom Untergang als spätkapitalistisches Abenteuer

Der Mythos vom tapferen Volk in der Not berührt die Deutsche Seele, und man meint, neben der üblichen, pflichtschuldigen Betroffenheit fast auch ein bisschen Neid auf eine Gesellschaft zu spüren, in der Opferbereitschaft, Heldentum und, vor allem, Unterordnung unter die Gemeinschaft notgedrungen eine Renaissance erleben.
Die Liebe zu solchen „Tugenden“, mit denen man bekanntlich auch ein KZ leiten kann (vgl. O. Lafontaine), hat das deutsche Bewusstsein nie ganz überwunden; adäquat ausleben kann es sie im spätkapitalistischen Alltag jedoch freilich auch nicht. Überhaupt ist der Spätkapitalismus mit seiner Affinität zu Spaß und Konsum keine gute Zeit für deutsche Helden: Im Krieg ließen sich völkische Bedürfnisse noch mittels Fronteinsatz befriedigen – man wühlte sich durch russische Erde, tötete Feinde und wartete auf den Orden oder den Heldentod. Heute dagegen läuft man täglich ins Büro, müht sich acht Stunden ab und wartet auf die Rente. Der Frage nach dem Sinn seiner Arbeit geht man lieber aus dem Weg: Die einzig vernünftige Antwort: „Weil ich das Geld brauche“, ist kaum mit jener internalisierten Staatsräson vereinbar, die alles, was der Einzelne tut, nach dem Nutzen für den höheren Zweck der „Gemeinschaft“ bewertet haben will.

Wer derzeit die deutschen Medien verfolgt, bekommt den Eindruck, als habe das Beben jeden noch so banalen Bürojob, sofern er in Japan erledigt wird, in einen Gottesdienst an der japanischen Nation verwandelt. Jeder Angestellte gerät zum Helden, auch wenn er nichts anderes tut, als Akten zu kopieren oder Strafzettel auszustellen. Die Tätigkeiten selbst können von dieser Warte aus vollkommen sinnlos sein – ihre Weihen beziehen sie aus der Krise, vor deren Hintergrund sie geleistet werden: aus den beschädigten Büros, aus den regelmäßigen Stromausfällen und aus der radioaktiven Wolke, die der Wind jeden Tag nach Tokio tragen könnte. Die verzweifelte Lage adelt den banalen Broterwerb zum Dienst an der Gemeinschaft; von der Arbeit selbst und ihrem trivialen Gehalt wird abgesehen – dass sie überhaupt fortgesetzt wird im Schatten des Untergangs, das macht in den Augen der neuen deutschen Japan-Fans ihren Wert aus.
Glaubt man der entsprechenden Brichterstattung, arbeiten die Japaner (nicht erst) seit dem Beben keineswegs deshalb, weil auch sie Geld brauchen und – Katastrophe hin oder her – laut Arbeitsvertrag jeden Tag pünktlich die Stechuhr zu bedienen haben; ihr Alltag erscheint vielmehr als Aufopferung für den Fortbestand einer Nation am Abgrund. Entsprechend erscheinen Tsunami-Opfer auch nicht als Geschädigte einer Katstrophe, die in Auffanglagern aushalten, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt; sie werden lieber als Akteure kleiner Epen betrachtet, die sich aus Disziplin und aus Liebe zur eigenen Nation alles Klagen und Zagen verbieten.

Von Mördern und Helden

So sehr die Solidarität mit dem von Beben, Tsunami und Atomunfall gebeutelten Japan angebracht ist, so sehr kann einem der beschriebene Trend Angst machen, das japanische Unglück als Projektionsfläche für völkische Untergangs- und Erlösungsphantasien zu missbrauchen: Es ist die Lust am Untergang, die seine Vertreter antreibt, wenn sie sich in wildesten Spekulationen über einen Absturz Japans auf vorindustrielles Niveau ergehen; es ist die untergegangene Volksgemeinschaft, der sie nachtrauern, wenn sie im Katastrophengebiet statt beschädigter, verletzter oder verängstigter Individuen stets nur heroische Kollektive am Werk sehen wollen.
Deshalb wollen sie in den Fukushima 50 auch unbedingt Kamikaze-Krieger sehen, wo doch in Wirklichkeit zwischen beiden Einsatzformen Welten liegen: Die historischen Kamikaze-Flieger sollten ihr Leben opfern, um für Kaiser, Volk und Vaterland einen überlegenen Feind zu töten; die Arbeiter in Fukushima sind bereit, ihr Leben zu riskieren, um den Tod zehntausender Menschen und die Verseuchung ganzer Provinzen zu verhindern. Den einen wurde der Tod als höchste Erfüllung verkauft; die anderen tun alles, was mit ihrer Aufgabe vereinbar ist, um ihr eigenes Leben zu schonen. Wer nicht begreift, worin dabei der Unterschied besteht, der wird auch nicht begreifen, warum man Kamikaze-Bomber als Mörder, die Fukushima 50 aber im besten Sinne des Wortes als Helden bezeichnen muss.

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Eine Banalität – musste mal gesagt werden http://weltkritik.blogsport.de/2010/10/27/eine-banalitaet-musste-mal-gesagt-werden/ http://weltkritik.blogsport.de/2010/10/27/eine-banalitaet-musste-mal-gesagt-werden/#comments Tue, 26 Oct 2010 22:32:43 +0000 Administrator Allgemein Splitter http://weltkritik.blogsport.de/2010/10/27/eine-banalitaet-musste-mal-gesagt-werden/ Niemand, der halbwegs bei Verstand ist und über Ansätze von Sachkenntnis verfügt, könnte leugnen, dass die Herrschaftspraxis im Dritten Reich mit der in der jungen Sowjetunion (bei allen Unterschieden) viele Gemeinsamkeiten aufweist. Diese Gemeinsamkeiten dürfen aber nicht dazu führen, den Begriff des Kommunismus, wie in der Totalitarismustheorie, mit dem des Nationalsozialismus gleichzusetzen – nicht einmal, sie zu verähnlichen. Der Kommunismus ist der Traum von einer Sache, der verraten wurde; der Nationalsozialismus war von Anfang an nichts als eine Todesdrohung gegen die zivilisierte Menschheit.

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