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Gefällt mir: Musik von Ja, Panik

Das aktuelle Album der burgenländisch-berlinerischen Band „Ja, Panik“ heißt DMD KIU LIDT, was ausgeschrieben „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“ bedeuten soll – und damit natürlich schon ein bisschen kitschig ist. Andererseits: Die Jungs singen so ambivalente Zeilen wie „Achtung, Achtung, Achtung vor der allzu schnellen Heilung/ denn das was uns zerstört, will uns gleich schon reparieren“, um den Kapitalismus zu beschreiben, und so was fiele außer ihnen vielleicht noch den „Goldenen Zitronen“ oder „Tocotronic“ ein. Und sie stellen fest, dass man Pop nicht allzu ernst nehmen dürfe, „gilt es doch nach wie vor, eine Welt zu zerstören.“ Außerdem bringt es allein der Titelsong auf fast eine Viertelstunde guter Musik. Hört’s Euch an!

Zuhause bleiben gegen Nazis – oder: Warum die NPD heute ohne mich tagen musste

Dass Nazis bekämpft gehören, und zwar auf allen Ebenen und mit allen Mitteln, das weiß sogar noch die A.L.I. – auch wenn sie sonst überhaupt nichts mehr weiß. Deshalb ist es erstmal auch zu begrüßen, wenn anlässlich des NPD-Parteitags in Northeim mit 1.400 Gegendemonstranten zu rechnen war. Das Problem, bzw. der Grund warum ich das Spektakel von Zuhause aus verfolgte, ist die Zusammensetzung dieser Nazigegner: 1.000 brave Bürger vom grün-roten Vollkornbourgeois bis zum evangelischen Pfaffen treffen sich zum Kuchenessen gegen Faschismus, und 400 gar extremistische Göttinger Antifas wollen versuchen, der NPD den Tag zu versauen. Die Bürger werden dabei von derselben Sorte Provinz-Pappenheimer angeführt, die vor zwei Jahren in Friedland zum Fremdschämen Anlass gaben – man hat, kurz gesagt, soviel damit zu tun, sich von der Antifa zu distanzieren, dass man sich um die Nazis kaum noch kümmern kann. Die Northeimer CDU etwa phantasiert von „vermummten Schlägertrupps, die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern“, und warnt im selben Atemzug davor, die Antifa könne friedliche Demonstranten abschrecken. Eine selfullfilling prophecy erster Güte: Seit die Northeimer Einzelhändler wissen, dass sie sich fürchten sollen, haben sie es offenbar tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen und ihre Läden verbarrikadiert.
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Kritik des Poststrukturalismus – Theorieveranstaltung am 15. April in Göttingen

Das [a:ka] kommt endlich auch mal wieder in die Gänge und hat Alex Gruber vom Café Critique eingeladen: „Kritische Theorie & Postmoderne – Zur Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik“ heißt der Vortrag und will den Granden der Postmodernen Theorie von Foucault über Butler bis Agamben nachweisen, dass sie in Sachen Aufklärungsverrat heute die Rolle spielen, die vor 75 Jahren solch illustren Philosophen-Nazis wie Martin Heidegger oder Carl Schmitt zukam. Gruber schreibt für antideutsche Theorieblätter wie Bahamas oder Prodomo und ist Mitherausgeber des Bandes „Gegenaufklärung – Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“, der demnächst im Ca-Ira-Verlag erscheint. Wer von Gruber schon mal einen Text gelesen hat, dem dürfte sein Hang zu steilen Thesen bekannt sein – was vielleicht nicht für einen ausgewogenen Vortrag sorgt, dafür aber für eine spannende Diskussion. Hier die Veranstaltungsdaten:

Vortrag & Diskussion
mit Alex Gruber (Café Critique)
am Freitag, den 15. April
um 19 Uhr im ZHG 005

Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft

Japan hat es so richtig übel erwischt, und angesichts der Verwüstungen und der Dreifach-Kernschmelze im AKW Fukushima ist die Fixierung der Medien auf die dortigen Ereignisse auch kaum verwunderlich. Wundern kann man sich allerdings sehr wohl über die Zwischentöne, die sich in Deutschland immer wieder in die Berichterstattung schleichen: Da wird zum einen mit kaum verhohlener Begeisterung vom „Zusammenbruch einer Industrienation“ gefaselt, als stünde dem Land ein Rückfall in die Dritte Welt bevor. Gleichzeitig dürfen sich Ethnologinnen und Historiker, Moderatorinnen und Leitartikler in jeder Sendung und in jedem Text über die famose „Disziplin“ der Japaner auslassen, die trotz des Bebens zur Arbeit gingen (wo es noch eine Arbeit gibt), und ansonsten ruhig in Notunterkünften ausharrten und gemeinsam ihr Überleben organisierten.

Mir drängt sich der Eindruck auf, dass beide Phänomene – der vermeintliche Untergang eines Industriestaates und das kollektive Ärmelaufkrempeln und Weitermachen seiner Bevölkerung – weniger um ihrer selbst willen so hervorgehoben werden, als weil sie im kollektiven Unbewussten des postnazistischen Deutschlands ein paar Saiten zum Klingen bringen, die lange ungezupft geblieben sind. Als Bündnis der völkischen Gemeinschaften gegen den westlichen Individualismus hatte Deutschland mit Japan gemeinsam Krieg geführt; gemeinsam war man untergegangen und gemeinsam war man wieder zu Reichtum gekommen. Obwohl damals alles kaputt schien, waren nach wenigen Jahren aus Ruinen wieder blühende Landschaften erwachsen – und zwar scheinbar aus nichts als aus dem Fleiß und aus dem Durchhaltewillen zweier geschlagener Nationen.
Mir scheint, dass Journalisten wie Rezipienten insgeheim stets diesen Zusammenhang im Kopf haben, wenn sie derzeit über Japan schreiben oder lesen, senden oder schauen. Unmittelbar an die Oberfläche dringt er allerdings nur, wenn Zeitungen, Talkrunden oder Blogs vom „Kamikaze-Einsatz“ schwafeln und damit die Fukushima 50 meinen – doch dazu später.
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Eine Banalität – musste mal gesagt werden

Niemand, der halbwegs bei Verstand ist und über Ansätze von Sachkenntnis verfügt, könnte leugnen, dass die Herrschaftspraxis im Dritten Reich mit der in der jungen Sowjetunion (bei allen Unterschieden) viele Gemeinsamkeiten aufweist. Diese Gemeinsamkeiten dürfen aber nicht dazu führen, den Begriff des Kommunismus, wie in der Totalitarismustheorie, mit dem des Nationalsozialismus gleichzusetzen – nicht einmal, sie zu verähnlichen. Der Kommunismus ist der Traum von einer Sache, der verraten wurde; der Nationalsozialismus war von Anfang an nichts als eine Todesdrohung gegen die zivilisierte Menschheit.